Kai Maaz, Jürgen Baumert, Ulrich Trautwein

Genese sozialer Ungleichheit im institutionellen Kontext der Schule: Wo entsteht und vergrößert sich soziale Ungleichheit?
in: ZfE, Sonderheft 12-09, S. 11-46

Zusammenfassung:
Soziale Ungleichheiten im Bildungssystem sind ein gut dokumentierter Befund. Die Befunde der großen internationalen Schulleistungsstudien haben soziale Ungleichheiten wieder in den Blickpunkt der Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik gerückt. Trotz verschiedenster Forschungsaktivitäten lässt sich die Frage, wo soziale Ungleichheit im Bildungssystem entsteht, nicht leicht beantworten. Diese Frage steht im Mittelpunkt des vorliegenden Beitrags. In der erziehungswissenschaftlichen, soziologischen und psychologischen Forschung werden vornehmlich vier Bereiche identifiziert, an denen soziale Ungleichheiten im Bildungssystem entstehen oder verstärkt werden können. Ungleichheiten können demnach an Bildungsübergängen, innerhalb einer Bildungsinstitution, zwischen verschiedenen Bildungsprogrammen oder auch außerhalb des Bildungssystems entstehen. Der Beitrag gibt für jeder dieser vier Bereiche einen Überblick über theoretische Grundlagen, systematisiert den empirischen Forschungsstand und weist auf Forschungsdesiderate hin.

Schlüsselwörter:
Soziale Ungleichheit, Bildungsentscheidungen, Leistungsentwicklung, Sommerloch, Bildungssystem

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Abstract:
Emergence of Social Inequality in the Institutional Context of School: Where Does Social Inequality Emerge and Grow?

Social inequalities in the education system are well documented. Recent findings of large-scale international student achievement studies have drawn scientific, public, and political attention back to these inequalities. Despite diverse research efforts, it remains difficult to identify the points at which social inequality emerges in the education system. This article seeks to advance the knowledge in this area. Research in the fields of educational science, sociology, and psychology has identified four main areas at which social inequalities in the education system can emerge or increase: at transitions in the education system, within educational institutions, between educational programs, and outside the education system. For each of these four domains, this article provides an overview of theoretical approaches, systematizes the findings of empirical research, and identifies research desiderata.

Keywords:
Social inequality, educational decisions, learning gains, summer setback, education system



Markus Klein, Steffen Schindler, Reinhard Pollak, Walter Müller

Soziale Disparitäten in der Sekundarstufe und ihre langfristige Entwicklung
in: ZfE, Sonderheft 12-09, S. 47-73

Zusammenfassung:
Der Beitrag untersucht für Deutschland die sozialen Disparitäten beim Besuch des Gymnasiums und beim Erwerb der Hochschulreife in ihrer langfristigen Entwicklung seit dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bis in die jüngste Gegenwart. Er diskutiert theoretisch den Wandel der institutionellen und strukturellen Bedingungen, aus denen Veränderungen in den primären und sekundären Disparitäten nach sozialer Herkunft zu erwarten sind. Auf der Grundlage von Daten aus zahlreichen repräsentativen Bevölkerungsumfragen und einer langen Reihe von Mikrozensuserhebungen zeigt er dann, wie beim Erwerb höherer Bildung die Abhängigkeiten von der sozialen Herkunft in verschiedenen historischen Perioden für Männer und Frauen geringer geworden sind. Dabei zeigt sich, dass in jüngster Zeit bei den Frauen die Bildungsbeteiligung weniger von der sozialen Herkunft abhängt als bei den Männern. Dies erklärt zu einem nicht unwesentlichen Teil den inzwischen von den Frauen gegenüber den Männern erreichten Vorsprung im Erwerb höherer Bildung.

Schlüsselwörter:
Soziale Bildungsdisparitäten, soziale Herkunft, Geschlechterungleichheit, gymnasiale Oberstufe

Abstract:
Long-Term Development of Social Disparities in Secondary Education

This article investigates how social disparities in attending Gymnasium and qualifying for higher education in Germany have developed since the 1930s. It discusses change in institutional and structural conditions over time, and outlines their theoretical implications for primary and secondary social disparities in access to higher education. Analyses based on data from various representative population surveys and many years of Micro census data then show how the influence of social origin on access the higher education declined for both men and women in different historical periods. Recent data show that women's educational participation is less dependent on social origin than men's. This finding partially explains why more women than men now obtain higher education.

Keywords:
Social disparities in educational attainment, social origin, gender inequality, upper secondary education, Gymnasium


Hartmut Ditton, Jan Krüsken

Bildungslaufbahn im differenzierten Schulsystem - Entwicklungsverläufe von Laufbahnempfehlungen und Bildungsaspirationen in der Grundschulzeit
in: ZfE, Sonderheft 12-09, S. 74-102

Zusammenfassung:
Im Beitrag wird das Zustandekommen der Schulübergangsentscheidung im Zeitverlauf vom Ende der 2. bis 4. Jahrgangsstufe untersucht. Es wird davon ausgegangen, dass Übergangsentscheidungen nur unzureichend als ein einmaliges, zu einem fixen Zeitpunkt anstehendes Ereignis analysiert werden können. Auch unter einer Rational-Choice-Perspektive ist von einem Prozess auszugehen, der sich über eine längere Phase der Grundschulzeit erstreckt. Die hierbei stattfindenden Abstimmungsprozesse zwischen den an der Entscheidung beteiligten Lehrkräften und Eltern werden vor dem Hintergrund institutioneller Regelungen sowie diagnostischer Anforderungen betrachtet. Es zeigt sich, dass die Entwicklung der Übertrittsempfehlungen der Lehrkräfte auf der Basis der Schülerleistungen im Beobachtungszeitraum für die Mehrzahl der Schüler nachvollziehbar ist. Probleme bestehen allerdings bei der Zuweisung von Schülergruppen mit uneindeutigen schulischen Leistungen bzw. Leistungsverläufen. Besonders hier scheinen leistungsfernere Kriterien und Einstellungen der Lehrkräfte die Schulformzuteilung mit zu bestimmen. Aus den Ergebnissen resultieren Hinweise auf notwendige Ergänzungen der in der Forschung favorisierten Rational-Choice Modelle.

Schlüsselwörter:
Bildungsungleichheit, Bildungsentscheidungen, Bildungsempfehlungen, Bildungsaspirationen, Schulübertritt

Abstract:
Educational Careers in a Tracked School System - Development of Teacher Recommendations and Educational Aspirations Over the Elementary School Years

This article investigates how decisions on the type of secondary school attended develop over time from the end of grade 2 to grade 4. The authors take the position that it is insufficient to analyze transition decisions as a singular event occurring at a fixed point in time. Indeed, from a rational-choice perspective, it can be assumed that the decision-making process extends over a longer period of elementary education. The processes of exchange between the teachers and parents involved in the decision can be seen against the background of institutional regulations and diagnostic requirements. The data show that, for most students, the development of teachers recommendations during the period of observation is informed by student achievement. However, problems emerge in the allocation of students with inconclusive academic outcomes or achievement trajectories, in these cases teachers attitudes and criteria beyond individual achievement are likely to contribute to the recommendations made. Conclusions are drawn for necessary extensions to the rational-choice models favoured in research.

Keywords:
Educational disparities, educational decisions, school recommendations, educational aspirations, school transfer


Lydia Klein, Wiebke Paulus, Hans-Peter Blossfeld

Die Formation elterlicher Bildungsentscheidungen beim Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I
in: ZfE, Sonderheft 12-09, S.103-125

Zusammenfassung:
Da über den Prozess der Entscheidungsfindung beim Übergang in die Sekundarschule bisher wenig bekannt ist, besteht das Ziel dieses Artikels darin, Typen der Entwicklung elterlicher Aspirationsmuster zu identifizieren. Aufgrund der zunehmenden Bedeutung hoher Bildungsabschlüsse konzentrieren wir uns dabei auf die Aspiration für das Abitur. Es kann gezeigt werden, dass ein Großteil der Eltern einer abwägenden Handlungsrationalität folgt, die durch eine Veränderung der Bildungsaspiration sichtbar wird. Unter ihnen befinden sich eher Eltern mit niedriger Bildung und Eltern mit Migrationshintergrund. Zudem beobachten wir mehr bayerische als hessische Eltern mit veränderlichen Aspirationen. Eltern in Bayern beziehen die verbindlichen Übergangsregelungen in ihre Entscheidungsfindung mit ein, während hessische Eltern in ihrer Wahl freier sind. Die Gruppe von Eltern, die einer kalkulierenden Handlungsrationalität folgt, berücksichtigt bei ihren Überlegungen zeitveränderliche Faktoren. Demgegenüber hält ein knappes Drittel seine hohen Bildungsaspirationen stabil. Diese Eltern weisen ein eher schichtspezifisches Verhalten auf und lassen sich weniger leicht von ihren Bildungsvorstellungen abbringen.

Schlüsselwörter:
Bildungsentscheidung, Übergänge, Entscheidungsmodelle, Bildungsungleichheit

Abstract:
The Emergence of Parents` Educational Decisions at the Transition from Elementary to Secondary Schooling

As little is yet known about the decision-making process at the transition from elementary to secondary schooling, this article aims to identify types of parental aspirational pattern and their development. Given the increasing relevance of higher educational qualifications, the analyses focus on aspirations to obtain Abitur. The data show that most parent decisions are based on a rational, measured assessment that is reflected in changes in their educational aspirations over time. Less educated parents and parents with an immigrant background are more likely to be found in this group. Further, parents in Bavaria are more likely to adjust their aspirations than are parents in Hesse. Parents in Bavaria have to take the state's binding regulations into account in their decision-making process, whereas parents in Hesse have a free choice of secondary track for their children. The group of parents that makes a measured assessment considers factors that are subject to change over time. By contrast, nearly one third of the parents have high and stable aspirations. These parents are more likely to show behaviour specific to their social class and less likely to adjust their aspirations over time.

Keywords:
Educational decisions, transitions, decision models, educational inequality


Werner Helsper, Rolf-Torsten Kramer, Sven Thiersch, Carolin Ziems

Bildungshabitus und Übergangserfahrungen bei Kindern
in: ZfE, Sonderheft 12-09, S. 126-152

Zusammenfassung:
Der Beitrag erschließt auf der Grundlage eines qualitativen Längsschnitts mit Schülerinnen und Schülern von der 4. bis zur 7. Klasse die Übergangserfahrung von der Grundschule in die Sekundarstufe. Die Übergangserfahrungen der Kinder werden für fünf kontrastreiche Schulen in den Blick genommen: ein "exklusives" Gymnasium mit Auswahlverfahren, ein "normales" städtisches Gymnasium, eine Gesamtschule, eine Sekundarschule sowie eine Hauptschule. In der Rekonstruktion der kindlichen individuellen Orientierungsrahmen können überraschenderweise bereits für die Zehnjährigen vier klar konturierte Habitusfigurationen bestimmt werden. der Habitus der Bildungsexzellenz und -distinktion, der Habitus der Bildungsstrebenden in drei Varianten, der Habitus der Bildungskonformität und -notwendigkeit und schließlich der Habitus der Bildungsfremdheit in drei Formen. Der Beitrag kann erstens zeigen, dass die Anwahl und die Antizipation, die Übergangserfahrung und die Ankunft sowie die Chancen- und die Risikopotenziale in den neuen Schulen nur im Gesamtzusammenhang der kindlichen Habitusformen und deren Schulpassung zu verstehen sind. Zweitens kann er verdeutlichen, dass den kindlichen Habitusformen - so vorläufig sie auch ausgeprägt sein mögen - eine eigenständige Bedeutung für den Übergang zukommt.

Schlüsselwörter:
Bildungshabitus, Übergang, Schulkarriere und qualitativer Längsschnitt

Abstract:
Educational Habitus and Students' Experiences of the Transition to Secondary Education

Drawing on a qualitative longitudinal study of grade 4 to 7 students, this article examines students' experiences of the transition from elementary to secondary education. The analysis focuses on five contrasting schools: an "exclusive", highly selective Gymnasium, a "normal" urban Gymnasium, a comprehensive school, a Sekundarschule, and a Hauptschule. Surprisingly, reconstruction of the students' individual orienting frameworks reveals that even 10-year-olds already show four clearly delineated habitus configurations: the habitus of educational excellence and distinction, the habitus of educational aspiration (tree variants), the habitus of educational conformity and necessity, and finally the habitus of educational alienation (tree variants). The data show, first, that selection and anticipation, the experience of transition and arrival, and potential opportunities and risks in the new schools can be properly understood only in the overall context of these forms of habitus and their fit with the school attended. Second, they show that the students' forms of habitus - as temporary as they may be - have independent significance for the transition to secondary education.

Keywords:
Educational habitus, transition, school careers, qualitative longitudinal study


Kai Maaz, Gabriel Nagy

Der Übergang von der Grundschule in die weiterführenden Schulen des Sekundarschulsystems: Definition, Spezifikation und Quantifizierung primärer und sekundärer Herkunftseffekte
in: ZfE, Sonderheft 12-09, S. 153-182

Zusammenfassung:
Die vorliegende Studie befasst sich mit der Analyse von primären und sekundären Effekten der sozialen Herkunft beim Übergang in die Sekundarstufe I. Das theoretische Modell von Boudon wurde um Faktoren erweitert, die für das deutsche Bildungssystem bedeutsam sind (Noten und Übergangsempfehlung). Bildungsungleichheit entsteht durch das Zusammenwirken der sozialen Herkunft, der objektiven und bewerteten Schülerleistung, der Schullaufbahnempfehlung und des gezeigten Übergangsverhaltens. Es konnte gezeigt werden, dass die soziale Herkunft einen Effekt auf den Übergang, die Vergabe der Schullaufbahnempfehlungen, der Benotung und die objektiven Leistungen hat. Um zu untersuchen, an welchen Stellen der soziale Hintergrund auf den Übergang Einfluss nehmen kann, wurden die primären und sekundären Effekte zerlegt. Während die primären Effekte ausschließlich als indirekte Effekte wirksam werden, wirken die sekundären Effekte als indirekte und direkte Effekte. In Bezug auf die betrachteten Konsequenzen (Leistungsbewertung, Empfehlung und Übergang) wurden folgende Ergebnisse ermittelt: Primäre und sekundäre Effekte konnten für jede der drei betrachteten abhängigen Merkmale nachgewiesen werden. Bei der Leistungsbewertung war der relative Anteil des primären Effekts größer als der des sekundären. Bei der Empfehlungsvergabe waren beide Effekte gleich groß und beim Übergangsverhalten der sekundäre größer als der primäre. Damit konnte erstmals gezeigt werden, wie sich die soziale Herkunftseffekt zusammensetzt und welche relative Bedeutung primäre und sekundäre Effekte haben.

Schlüsselwörter:
Soziale Ungleichheit, primäre und sekundäre Disparitäten, Herkunftseffekte, Bildungsungleichheit, Bildungssystem

Abstract:
The Transition from Elementary to Secondary Education in Germany: Definition, Specification, and Quantification of the Primary and Secondary Effects of Social Background
This study analyzes the primary and secondary effects of social background at the transition to lower secondary education in Germany. To this end, Boudon's theoretical model was extended to include factors of specific relevance to the German education system (grades and tracking recommendation). Educational inequality results from the interaction of social background, objective student achievement and grades awarded, the tracking recommendation of the elementary school, and the actual transition behaviour. Analyses showed that social background affects transition behaviour, the tracking behaviour, the tracking recommendations made, grading, and objective achievement. Primary and secondary effects were then decomposed to identify the points at which social background influences the transition to secondary education. Whereas primary effects were indirect in all cases, secondary effects were both indirect and direct. Primary and secondary effects were found for each of the three outcomes considered (grades awarded, tracking recommendations, and transition behaviour). For grades awarded, the relative proportion of primary effects was larger than that of secondary effects. For tracking recommendations, both effects were of the same size. For transition behaviour, the relative proportion of secondary effects was larger than that of primary effects. The article thus provides first insights into the composition of social background effects and the specific impact of primary and secondary effects.

Keywords:
Social inequality, primary and secondary disparities, background effects, educational inequality, education system


Wolfgang Wagner, Andreas Helmke, Friedrich-Wilhelm Schrader

Die Rekonstruktion der Übergangsempfehlung für die Sekundarstufe I und der Wahl des Bildungsgangs auf der Basis des Migrationsstatus, der sozialen Herkunft, der Schulleistung und schulklassenspezifischer Merkmale
in: ZfE, Sonderheft 12-09, S. 183-204

Zusammenfassung:
Basierend auf den Daten aus 51 Klassen der 4. Klassenstufe in Rheinland-Pfalz, die mithilfe von Schulleistungstests und Fragebögen untersucht wurden, werden anhand von multinomialen logistischen Mehrebenenanalysen Übertrittsempfehlungen und -entscheidungen rekonstruiert. Erwartungsgemäß spielt dabei auf der Individualebene die soziale Herkunft - im Gegensatz zum Migrationsstatus - über die Leistung hinaus eine bedeutsame Rolle. Die Übergangsempfehlung erweist sich als starker Prädiktor für die Bildungsgangwahl, wobei die individuelle Schulleistung sowie partiell auch die soziale Herkunft bedeutsam  bleiben. Auch unter Kontrolle der Übergangsempfehlung bleibt der leistungsbezogene Referenzgruppeneffekt bei der Bildungsgangwahl bestehen. Für das durchschnittliche Leistungsniveau von Klassen ergeben sich - entsprechend der postulierten Referenzgruppeneffekte - negative Assoziationen mit den Übertrittsempfehlungen und -entscheidungen.

Schlüsselwörter:
Bildungsentscheidungen, Übergänge, Übergangsforschung, soziale Ungleichheit, Bildungsungleichheit, Schulklassenkontext, Big-fish-little-pond-Effekt, Referenzgruppeneffekte

Abstract:
Reconstruction of Recommendations and Choices at the Transition to Secondary Education: Ethnic Criteria, Social Background, Achievement, and Class Composition

Based on data from 51 grade 4 classes in Rhineland-Palatinate that were administered academic achievement tests and questionnaires, multinomial logistic multilevel analyses were used to reconstruct transition recommendations and choices. As expected, at the individual level, the social background - in contrast to ethnic criteria - played an important role over and above achievement. The recommendation proved to be a strong predictor for the choice of the school track, though both individual achievement and - to some extent - social background remained significant. Even when the recommendation was controlled, the achievement-related reference group effect for the choice of school track persisted. In line with the hypothesized reference group effects, the class-mean level of achievement was negatively associated with transition recommendations and choices.

Keywords:
Educational decisions, transition to secondary education, transition research, social inequality, educational inequality, class context, big-fish-little-pond effect, reference group effects


Cornelia Kirsten, Jörg Dollmann

Sekundäre Effekte der ethnischen Herkunft: Kinder aus türkischen Familien am ersten Bildungsübergang
in: ZfE, Sonderheft 12-09, S. 205-229

Zusammenfassung:
Boudons analytische Unterscheidung zwischen primären und sekundären Effekten der sozialen Herkunft lässt sich auf die ethnische Herkunft erweitern. Hiervon ausgehend wird am Beispiel des ersten Bildungsübergangs im deutschen Schulsystem untersucht, ob sich das für Kinder aus türkischen Zuwandererfamilien im Vergleich zu Kindern ohne Migrationshintergrund bestehenden nachteilige Übertrittsmuster in erster Linie als Folge von Leistungsdisparitäten ergibt oder ob es zusätzliche durch die Bildungsentscheidungen der Akteure beeinflusst wird. Anhand einer Primärdatenerhebung zu Kölner Grundschulkindern wird gezeigt, dass sich die bestehenden Unterschiede vollständig auf Disparitäten in den schulischen Leistungen (primäre Effekte) und auf mit der sozialen Herkunft verbundene unterschiedliche Übergangsbedingungen (sekundäre soziale Effekte) zurückführen lassen. Anstelle einer zusätzlichen Benachteiligung weisen türkischstämmige Viertklässler aufgrund ihrer ausgeprägten Bildungsmotivation nun sogar höhere Chancen auf, einen der anspruchsvolleren Sekundarschulwege einzuschlagen. Diese Befunde werden in Anlehnung an Boudon als positive sekundäre Effekte der ethnischen Herkunft interpretiert.

Schlüsselwörter:
Schülerinnen und Schüler türkischer Herkunft, primäre und sekundäre Effekte, Disparitäten im schulischen Erfolg, erster Bildungsübergang

Abstract:
Secondary Effects of Ethnic Origin: Students From Turkish Families at the Transition to Secondary Education

Boudon's analytic distinction between primary and secondary effects of social origin can be extended to ethnic origin. On this basis, this article examines whether the less favorable patterns of transition from elementary to secondary education observed for students from Turkish immigrant families - relative to German children - are attributable primarily to differences in achievement or whether educational decisions also play a role. Analysis of primary data obtained from elementary students in Cologne shows that the differences observed can be fully attributed to differences in academic achievement (primary effects) and to differential conditions at the transition associated with social background (secondary social effects). Rather than being at an additional disadvantage, because grade 4 students from Turkish backgrounds are highly motivated to succeed educationally, they in fact have higher chances than their German peers of enrolling in a more demanding secondary track. Drawing on Boudon, these findings are interpreted  as positive secondary effects of ethnic origin.

Keywords:
Students from Turkish families, primary and secondary effects, disparities in school achievement, transition to secondary education


Cornelia Gresch, Jürgen Baumert, Kai Maaz

Empfehlungsstatus, Übergangsempfehlung und der Wechsel in die Sekundarstufe I: Bildungsentscheidungen und soziale Ungleichheit
in: ZfE, Sonderheft 12-09, S. 230-256

Zusammenfassung:
Die Bundesländer in Deutschland unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht in der Ausgestaltung des Bildungswesens beim Übergang von der Primar- in die Sekundarstufe. Ein zentraler Unterschied bezieht sich auf die Bindungskraft der Übergangsempfehlung. Während diese in einigen Ländern reinen Vorschlagscharakter besitzt und die Eltern unabhängig von der Empfehlung das Kind ohne Einschränkung auf einer höheren Schulform anmelden können, ist es in anderen Ländern notwendig, dass das Kind weitere Leistungsnachweise erbringt, sofern es auf eine höhere Schulform gehen möchte als die empfohlene. Dieser Beitrag untersucht die Frage, wie diese unterschiedlichen Regelungen unter Berücksichtigung der erhaltenen Empfehlung mit dem tatsächlichen Übergangsverhalten nach der Grundschule zusammenhängen und ob soziale Ungleichheit beim Übergang durch bindende Empfehlungen verstärkt oder reduziert wird. Anhand der Übergangsstudie, durchgeführt am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, wird das Übergangsverhalten in 13 Bundesländern analysiert. Es zeigt sich, dass Eltern aus sozial privilegierten Verhältnissen ihr Kind häufiger auch ohne entsprechende Empfehlung auf das Gymnasium schicken als Eltern aus weniger privilegierten Verhältnissen. Dieser Effekt vergrößert sich zusätzlich in den Bundesländern, in denen der Elternwille freigegeben ist und keine weiteren Leistungsnachweise notwendig sind, um das Kind auf eine höhere Schulform zu schicken als empfohlen.

Schlüsselwörter:
Übergangsempfehlung, Übergangsentscheidungen, Übergang, soziale Ungleichheit, bindende Empfehlung

Abstract:
Teachers' tracking recommendations, their legal status, and the transition to lower secondary education: Educational decisions and social inequality

The German states differ in a number of respects in the way the transition from elementary to secondary education is organized. One major difference is whether or not the secondary tracking recommendations made by elementary schools are binding. In some states, the elementary school's recommendation of a secondary track is merely a suggestion and parents have the right to enroll their child in a higher secondary track if they choose to do so; in other states, children aspiring to attend a higher secondary track than the one recommended have to provide further evidence of their suitability for that track. This article examines how these different regulations are related to students' actual transition behavior at the end of elementary schooling and whether binding recommendations increase or decrease social inequality at the transition to secondary education. Drawing on data from a Transition Study conducted at the Max Planck Institute for Human Development, the article analyzes transition behavior in 13 German states. Results show that children from socially privileged families are more likely than children from less privileged backgrounds to be enrolled in an academic-track Gymnasium without a corresponding recommendation. This effect is larger in states in which parents are free to choose a secondary track and no further evidence of student ability is required to enroll a child in a higher track than recommended.

Keywords:
Tracking recommendations, tracking decisions, transition to secondary education, social inequality, binding recommendations, legal regulations


Volker Stocké

Adaptivität oder Konformität? Die Bedeutung der Bezugsgruppe und der Leistungsrealität der Kinder für die Entwicklung elterlicher Bildungsaspirationen am Ende der Grundschulzeit
in: ZfE, Sonderheft 12-09, S. 257-281

Zusammenfassung:
Der Beitrag geht der Frage nach den Bestimmungsfaktoren der Entwicklungs­dynamik elterlicher Bildungsaspirationen am Ende der Grundschulzeit nach. Es wird die relative Bedeutung der Schulleistung der Kinder und der perzipierten Bildungsansprüche der elterlichen Bezugsgruppe analysiert. Außerdem werden Hypothesen über den nach dem elterlichen Sozialstatus differenziell starken Einfluss dieser Bestimmungsfaktoren getestet. Die Grundlage der Untersuchung bilden die Daten des Mannheimer Bildungspanels (N = 819). Die Ergebnisse zeigen, dass ein höherer Bildungs- und Berufsstatus der Eltern mit einer Entwicklung hin zu ambitionierten Bildungsansprüchen einhergeht. Diese Aspirationsentwicklung resultiert einerseits aus einer Anpassung an die schulische Leistungsrealität der Kinder, wobei sich diese Adaptivität erwartungsgemäß bei Eltern mit geringerem Sozialstatus als stärker erweist. Die elterlichen Aspirationen entwickeln sich andererseits in Richtung auf die Bildungsansprüche der elterlichen Bezugsgruppe. Entgegen der theoretischen Erwartungen ist diese Konformität ebenfalls stärker bei weniger vorteilhaftem Sozialstatus. Ein bedeutender Anteil der sozialen Differenzierung in der elterlichen Aspirationsentwicklung am Ende der Grundschulzeit lässt sich auf entsprechende Unterschiede in der Leistungsentwicklung der Schüler und dem Aspirationsklima im sozialen Kontext der Familien sowie auf die selektive Empfänglichkeit der Sozialgruppen für diese Faktoren zurückfuhren.

Schlüsselwörter:
Bezugsgruppe, Bildungsaspirationen, soziale Ungleichheit, Übergangsentscheidung

Abstract:
Adaptivity or conformity? The relevance of the reference group and of children's actual achievement for the development of parents' educational aspiration at the end of elementary schooling
This article examines the factors determining parents' educational aspirations for their children at the end of elementary schooling and development of those aspirations over time. It analyzes the relative importance of the children's academic achievement and the perceived educational aspirations of the parents' reference group. Further, it tests the hypothesis that the impact of these factors differs depending on the parents' social status. The research draws on data from the Mannheim Educational Panel Study (N = 819). The results show that higher parental educational and occupational status is associated with the development of more ambitious educational aspirations.
To some extent, this development is the result of aspirations being adapted to the children's actual academic achievement. In line with our expectations, this process of adaptation is more pronounced in parents with lower social status. However, parents also adapt their aspirations to those of the reference group. Contrary to theoretical expectations, this conformity is also stronger in families from less privileged social status. Much of the social differentiation in the development of parental aspirations at the end of elementary schooling is attributable to differences in student learning progress, to the aspirational climate of a family's social network, and to the selective receptivity of social groups to these factors.

Keywords:
Reference group, educational aspirations, social inequality,  tracking decisions


Anne Milek, Oliver Lüdtke, Ulrich Trautwein, Kai Maaz, Tobias C. Stubbe

Wie konsistent sind Referenzgruppeneffekte bei der Vergabe von Schulformempfehlungen? Bundeslandspezifische Analysen von Daten der IGLU-Studie
in: ZfE, Sonderheft 12-09, S. 282-301

Zusammenfassung:
Beim Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule handelt es sich im deutschen Schulsystem um eine frühe Weichenstellung, die mit einem weitreichenden Einfluss für die Bildungsbiografien von Schülerinnen und Schülern verbunden ist. Der vorliegende Beitrag geht erstens der Frage nach, inwiefern Schulformempfehlungen von Lehrkräften in einem systematischen Zusammenhang mit dem mittleren Leistungsniveau einer Klasse stehen, und untersucht zweitens, inwieweit Unterschiede in der Stärke dieser Referenzgruppeneffekte zwischen Bundesländern identifizierbar sind. Mithilfe von mehrebenenanalytischen logistischen Regressionsmodellen wurde anhand einer Teilstichprobe (4.589 Schüler aus 248 Klassen der 4. Jahrgangsstufe) des deutschen IGLU-E Datensatzes der Zusammenhang der von Grandschullehrern ausgesprochenen Schulformempfehlung und der mittleren Klassenleistung, vergleichend für die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und der Referenzgruppe (bestehend aus Schülerinnen und Schülern der Bundesländer Schleswig-Holstein, Sachsen, Saarland, Thüringen und Rheinland-Pfalz), untersucht. Es zeigte sich für die Teilstichprobe ein negativer Zusammenhang zwischen der mittleren Klassenleistung und der Übergangsempfehlung der Lehrkräfte, welcher über die Schulnoten mediiert wurde. Bundeslandunterschiede in der Größe der Referenzgruppeneffekte ließen sich nicht zufallskritisch absichern.

Schlüsselwörter:
Referenzgruppeneffekt, Übergang,  Schulformempfehlung

Abstract:
How Consistent are Reference Group Effects on Teachers' Recommendations at the Transition to Secondary Education? State-Specific Analyses of PIRLS Data
The transition from elementary to secondary school in the German education system is an early form of selection with far-reaching implications for students' educational biographies. This article examines the extent to which teachers' recommendations of a secondary track are systematically related to the class-mean achievement level and whether differences in this reference group effect can be detected between states. Based on a subsample of the German PIRLS-E dataset (4,589 students from 248 grade 4 classes), multilevel logistic regression models were used to exam­ine the relationship between the recommendations made by elementary school teachers and class-mean achievement level across the states of Baden-Württemberg, Bavaria, Hesse, North Rhine-Westphalia, and a reference group (composed of students from the states of Schleswig-Holstein, Saxony, Saarland, Thuringia, and Rhineland-Palatinate). Findings for the subsample show a nega­tive association between class-mean achievement and teachers' recommendations that was medi­ated by school grades. State-specific differences in the size of the reference group effects did not reach the level of statistical significance.

Keywords:
Reference group effect,  transition to secondary education,  teachers' recommendations


Stefanie van Ophuysen, Heike Wendt

Zur Veränderung der Mathematikleistung von Klasse 4 bis 6. Welchen Einfluss haben Kompositions- und Unterrichtsmerkmale
in: ZfE, Sonderheft 12-09, S. 302-327

Zusammenfassung:
Die aktuelle Forschung zeigt, dass die Schulformen der Sekundarstufe I differenzielle Entwicklungsmilieus darstellen, die in unterschiedlichen Leistungszuwächsen der Schüler resultieren. Mögliche Erklärungsansätze fokussieren auf die Klassenzusammensetzung (Komposition) und die Unterrichtsgestaltung. Im vorliegenden Beitrag wird der Frage nach der Bedeutung dieser Merkmale auf Klassenebene im Zusammenspiel mit der Schulform nachgegangen und es wird geprüft, ob ein Schereneffekt bereits am Beginn der Sekundarschulzeit beobachtbar ist.  Im Rahmen des Dortmunder DFG-Projektes „Grundschulübergang" wurden dazu bei 631 Schülern im Längsschnitt jeweils am Ende der 4., 5. und 6. Klassenstufe Testleistungen in Mathematik erfasst. Die klassenspezifischen Tests basieren auf Items aus (inter-)nationalen Schulleistungsstudien, die über ein Ankeritem-Design verlinkt wurden. Zur Darstellung schulformspezifischer Entwicklungsverläufe werden diese Längsschnittdaten mittels HLM ausgewertet. Während schulformspezifische Unterschiede in den Ausgangswerten die vornehmlich leistungsbasierte Aufteilung auf die verschiedenen Schulformen unterstreichen, bestätigt die Analyse der Zuwachsraten die Annahme eines Schereneffektes bereits am Beginn der Sekundarstufe I. Die Überprüfung von Kompositions- und Unterrichtseffekten weist auf hohe Konfundierung mit der Schulform hin, sodass beide Merkmalsbereiche nur relativ geringe Anteile an spezifischer Varianz aufklären können.

Schlüsselwörter:
Leistungsentwicklung, Testskalierung, Veränderungsmessung, hierarchische lineare Modellierung, Unterrichts- und Kompositionsmerkmale

Abstract:
Change in Mathematics Achievement From Grades 4 to 6: What is the Influence of Instructional and Composition Characteristics?
Research shows that secondary school types represent differential developmental environments that lead to differential learning gains. Attempts to explain this finding focus on class composition and instructional practices. This article examines how these characteristics at the class level are associated with school type and analyzes whether a Matthew effect is already observable at the beginning of secondary schooling. In the context of the Dortmund-based DFG project Grundschulübergang on the transition from elementary to secondary education, the mathematics achieve­ment of 630 students was assessed at the end of grades 4, 5 and 6. The class-specific tests were based on items from (inter-)national student achievement studies, which were linked by an anchor-item design. The longitudinal data were analyzed using HLM to identify developmental trajectories specific to the school types. Whereas differences in baseline values across the school types confirm that the selection of students to the different school types is informed primarily by achievement, the analysis of growth rates corroborates the hypothesis of a Matthew effect emerging at the very beginning of lower secondary level. Tests for composition and instructional effects point to a high degree of confounding with school type, with the effect that the two characteristics explain only relatively small amounts of specific variance.

Keywords:
Learning gains, test scaling, measurement of change, hierarchical linear modeling,  instructional and composition characteristics


Kirsten Aust, Rainer Watermann, Dietmar Grube

Konsequenzen von Leistungsgruppierungen für die Entwicklungsverläufe des allgemeinen und fachspezifischen Fähigkeitsselbstkonzepts nach dem Übergang in die Sekundarstufe
in: ZfE, Sonderheft 12-09, S. 328-351

Zusammenfassung:
In einer Längsschnittstudie wird untersucht, ob die Zuordnung zu verschiedenen Schul- und Klassentypen (Gesamtschule, Standardklassen des Gymnasiums sowie mathematisch-naturwissenschaftliche und bilinguale Schwerpunktklasse) gymnasialempfohlener Schüler nach dem Übergang in die Sekundarstufe I unterschiedliche Entwicklungsverläufe des allgemeinen Fähigkeitsselbstkonzepts sowie der fachspezifischen Selbstkonzepte in Mathematik und Deutsch nach sich zieht. Im ersten Halbjahr nach dem Schulwechsel nahmen 139 Fünftklässler eines Gymnasiums mit drei Standard- sowie zwei Schwerpunktklassen und 99 gymnasialempfohlene Fünftklässler einer Integrierten Gesamtschule an der Untersuchung teil. Analysen über fünf Messzeitpunkte für das allgemeine und über drei Messzeitpunkte für das fachspezifische Selbstkonzept legen nahe, dass es in den leistungsstarken Schwerpunktklassen auf der Ebene des allgemeinen Selbstkonzepts, nicht jedoch der fachspezifischen Selbstkonzepte in Mathematik und Deutsch zu einem Absinken des Selbstkonzepts kommt.

Schlüsselwörter:
Selbstkonzept, Grundschulübergang,  Leistungsgruppierung, Fischteicheffekt

Abstract:
Implications of Ability Grouping for Development in General and Domain-Specific Self-Concepts of Ability After the Transition to Secondary Education
This longitudinal study examines whether students assigned to different school and class types (comprehensive school, standard Gymnasium classes, Gymnasium classes with a mathematics / science or bilingual profile) show differential developmental trajectories in general self-concept of ability and domain-specific self-concepts in mathematics and German after the transition to secondary education. All participants were grade 5 students who had received a Gymnasium recommendation: 139 attending a Gymnasium with three standard classes and two classes with special profiles and 99 attending a comprehensive school. General self-concept of ability was measured at five points and domain-specific self-concepts at three points in the first semester of secondary education. The analyses reveal that students in high-ability classes with special profiles showed a decrease in general self-concept of ability, but not in mathematics or German self-concept.

Keywords:
Self-concept, transition, ability grouping, big-fish-little-pond-effect


Franz Baeriswyl, Ulrich Trautwein, Christian Wandeler, Oliver Lüdtke

Wie gut prognostizieren subjektive Lehrerempfehlungen und schulische Testleistungen beim Übertritt die Mathematik- und Deutschleistung in der Sekundarstufe I?
in: ZfE, Sonderheft 12-09, S. 352-372

Zusammenfassung:
Gegliederte Schulsysteme erfordern Zuweisungsverfahren, die eine gerechte und pädagogisch sinnvolle Einstufung in eine Abteilung der weiterführenden Schule gewährleisten. In verschiedenen Ländern/Kantonen Deutschlands bzw. der Schweiz haben beim Übertrittsverfahren, neben Schulnoten und der Übergangsempfehlung der Lehrkräfte, auch standardisierte Leistungstests sowie Beurteilungen in Form von Grundschulgutachten einen Einfluss auf die Übertrittsempfehlung. Der vorliegende Beitrag untersucht die Vorhersagekraft dieser Elemente im Kanton Freiburg in Hinblick auf die Schulnoten in Mathematik und Deutsch am Ende der obligatorischen Schulzeit in Klassenstufe 9. Insgesamt gingen die Daten von 621 Schülerinnen und Schülern in die Untersuchung ein. Mehrebenenanalysen für kreuzklassifizierte Daten zeigten eine besonders hohe Vorhersagekraft eines standardisierten Leistungstests sowie der Schulnoten vom Ende der Grundschule. Aber auch die Beurteilung der kognitiven Leistungsfähigkeit durch die Lehrkraft sowie - in geringerem Ausmaß - die Einschätzung der schulischen Motivation trugen zur Vorhersage der Noten in Klassenstufe 9 bei. Die Diskussion erörtert kritisch die Rolle von standardisierten Leistungstests in Übertrittsverfahren.

Schlüsselwörter:
Schulempfehlungen, diagnostische Kompetenz, Schulübertritt

Abstract:
How Well do Subjective Teacher Recommendations and Test Scores at the Transition to Secondary Education Predict Mathematics and German Achievement?
Tracked school systems require a procedure that ensures fair and educationally sound selection to a secondary school type. In Germany and Switzerland, selection may be based on school grades, the recommendations of elementary school teachers, standardized achievement tests or elementary school reports. This article investigates the power of these measures to predict Swiss students’ mathematics and German grades at the end of compulsory schooling in grade 9. Data from 621 students were collected in the Swiss canton of Freiburg. Multilevel analyses for cross-classified data revealed that the predictive power of a standardized achievement test and of grades at the end of elementary schooling was particularly high. However, teachers’ assessments of students’ cognitive abilities and – to a lesser extent – academic motivation also contributed to predicting grades at the end of compulsory schooling. The role of standardized achievement tests in selection to secondary education is critically discussed.

Keywords:
Teacher recommendation, diagnostic competence, school transfer


Claudia Schuchart

Warum interessieren sich Hauptschülerinnen und Hauptschüler für einen Realschulabschluss? Eine Analyse individueller Überzeugungen unter besonderer Beachtung geschlechtsspezifischer Differenzen
in: ZfE, Sonderheft 12-09, S. 373-397

Zusammenfassung:
In vielen Bundesländern können leistungsstarke Hauptschüler nach einem in der Regel zusätzlichen 10. Schuljahr einen Realschulabschluss erwerben und damit ihre Ausbil­dungschancen verbessern. Allerdings wird diese Bildungsoption nur von einem Teil der leistungs­stärkeren Schüler genutzt, wobei Mädchen aufstiegsorientierter sind als Jungen. Im vorliegenden Beitrag wird auf der Basis der Theorie des geplanten Verhaltens (Ajzen, 1991) untersucht, auf welche subjektiven Abschlusseinstellungen, Erwartungen des sozialen Umfelds und Kontrollüber­zeugungen der Wunsch nach einem Realschulabschluss allgemein zurückgeführt werden kann und inwiefern sich Jungen und Mädchen hinsichtlich dieser Überzeugungen unterscheiden. Genutzt wird ein Datensatz aus einer Befragung niedersächsischer Hauptschüler aus dem Jahr 2008. Die Ergebnisse zeigen, dass die abschlussbezogenen Überzeugungen substanziell die Abschlussabsicht beeinflussen. Mädchen sind deutlich ambitionierter als Jungen. Differenzen in den konkreten Über­legungen zeigen sich dahingehend, dass Mädchen weniger Lernbelastungen erwarten und diese auch weniger ungünstig einschätzen. Weiterhin nehmen sie höhere abschlussbezogene Erwartungen ihrer peers wahr und neigen eher dazu, mit ihnen übereinzustimmen.

Schlüsselwörter:
Hauptschule, Schulabschlüsse, Durchlässigkeit, Geschlecht

Abstract:
Why are Hauptschule Students Interested in Obtaining a Realschule Qualification? An Analysis of Individual Beliefs Focusing on Gender-Specific Differences
In many German states, high-achieving Hauptschule students have the opportunity to stay on at school for an additional year to acquire the Realschule qualification, thus improving their chances on the labor market. However, only some high-achieving students take this opportunity, with girls being more likely to do so than boys. Drawing on the theory of planned behavior (Ajzen, 1991), this article investigates the subjective attitudes to school qualifications, expectations of the social environment, and control beliefs generally associated with the desire to obtain a Realschule qualification, and to what extent boys and girls differ in theses beliefs. The article draws on a dataset obtained from a sample of Hauptschule students in Lower Saxony in 2008. Results show that students' beliefs about educational qualifications substantially influence their intended qualification. Girls are much more ambitious than boys. Specifically, girls expect less workload than boys and have less unfavourable attitudes to schoolwork. Moreover, girls perceive their peers to have higher expectations concerning school qualifications and are more likely to agree with them.

Keywords:
Hauptschule, school qualifications, permeability, gender


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