Klaus Prange

Kanon auf Zeit
in: ZfE, 10. Jg. (2007), H. 2, S. 170-180

Zusammenfassung
Herkömmlich stützen sich Lehrpläne auf das, was als allgemeines und invariantes, "kanonisches" Wissen angesehen werden kann. Diese Orientierung ist zunehmend fragwürdig und durch eine andere Orientierung abgelöst worden: Nicht der Kanon sagt, was zu lehren und zu lernen ist, sondern was im Blick auf formal gefasste Kompetenzen zu lernen ist, entscheidet über die Themen des Unterrichts. Das Ergebnis ist der Kanon auf Zeit und Widerruf für variable Unterrichtszwecke.

Schlüsselwörter: Kanon; Lehrplan; Legitimation; Qualifikation; Motivation; Sach-, Sozial- und Methodenkompetenz

Summary
Canon of Knowledge with Limited Half-life

Traditionally the curriculum is based on what is accepted as general and timeless, i.e. "canonical" knowledge. This basis has turned out to be increasingly problematic and is being replaced by a different kind of orientation. The content of the curriculum is defined in terms of formal competencies rather than the "great" traditions of cultural heritage. The result is the permanent construction and reconstruction of curricula for varying purposes of school-teaching.

Keywords: canon; curriculum; motivation; qualification; teaching plan; thematic, social, methodological and communication competencies

 


Jochen Kade/Wolfgang Seitter

Offensichtlich unsichtbar. Die Pädagogisierung des Umgangs mit Wissen im Kontext des Lebenslangen Lernens
in: ZfE, 10. Jg. (2007), H. 2, S. 181-198

Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich unter Bezugnahme auf einen systemtheoretischen Kommunikationsbegriff mit der (pädagogischen) Strukturierung des Lernens Erwachsener. Er geht von der These aus, dass die Pädagogisierung des lernbezogenen Umgangs mit Wissen im Erwachsenenalter unsichtbar (gemacht) wird. Auf der Grundlage eines abgeschlossenen DFG-Projekts werden unterschiedliche Formen pädagogischer Kommunikation dargestellt und das in ihren Settings, ihrer kommunikativen Verfasstheit und den Mustern ihrer Strukturierung eingelagerte Invisibilisierungspotenzial herausgearbeitet. Vor diesem Hintergrund wird das Konzept des Lebenslangen Lernens als eine entwickelte Form des Umgangs mit dem Paradox der (Un-)Sichtbarkeit pädagogischer Kommunikation interpretiert. Was diese Institutionalisierungsform des Lernens kennzeichnet, ist somit eine doppelt gegenläufige Gleichzeitigkeit von Visibilisierung und Invisibilisierung.

Schlüsselwörter: Umgang mit Wissen; Lernen Erwachsener; (In-)Visibilisierung pädagogischer Kommunikation; Lebenslanges Lernen

Summary
Clearly Invisible
- Making the Treatment of Knowledge Pedagogic Within the Context of Lifelong Learning
This contribution deals with the (pedagogic) structuring of adult learning with-regard to the concept of communication in system theory. It is assumed that the pedagogic process of learning related treatment of knowledge in adulthood is (made) invisible. On the basis of a completed DFG-project, we will present various forms of pedagogic communication and then demonstrate their different inherent potentials for making their setting, their communicative constitution and their structural patterns invisible. The concept of lifelong learning will subsequently be interpreted as a developed form of dealing with the paradox of (in)visible pedagogic communication. Characteristic for institutional forms of learning is, therefore, the double and contradictory simultaneous occurrence of processes of visible and invisible learning.

Keywords: adult learning; dealing with knowledge; lifelong learning; making pedagogic communication (in)visible

 

 


Jörg Dinkelaker

Kommunikation von Lernen. Theoretischer Zugang und empirische Beobachtungen
in: ZfE, 10. Jg. (2007), H. 2, S. 199-213

Zusammenfassung
Der Beitrag widmet sich einem Aspekt des Umgangs mit Lernen, dem bislang nur geringe Bedeutung zugemessen wird: der kommunikativen Darstellung von Lernen. Die Formen der Kommunikation von Lernen werden als ‚Lösung’ des prinzipiell unlösbaren Problems gefasst, das kommunikativ unbeobachtbare innerpsychische Lernen Einzelner in sozialen Situationen beobachtbar zu machen. Die Repräsentation des Unbeobachtbaren gelingt aufgrund einer Abfolge von Zuschreibungen, die den Übergang einer Person vom Nicht-Wissen zum Wissen inszenieren. Dieses Verfahren der Darstellung von Lernen mit den drei Momenten Diagnose, Korrektur und Evaluation kann anhand von Gesprächsmitschnitten empirisch nachgezeichnet werden. Kommunikation von Lernen erweist sich als eine spezifische Form des Umgangs mit (Nicht-)Wissenszuschreibungen. Ihre besonderen Eigenschaften sind für pädagogische Interaktionen und für pädagogische Organisationen strukturbildend. Im Zusammenhang des Diskurses um das Lebenslange Lernen kommt es zunehmend zu einer Entkopplung der institutionalisierten Darstellung von Lernen vom organisierten Lehren. Dies geht einher mit der Etablierung von Formen der Darstellung von Lernen auch in von expliziter Lehre unabhängigen Settings der Anwendung und Aushandlung von Wissen.

Schlüsselwörter: Lernen; Umgang mit Wissen; Kommunikation; Universalisierung des Pädagogischen

Summary
Communicating Learning: Theoretical Approach and Empirical Observations

This article deals with an aspect of learning to which little attention has been paid so far: the representation of learning in communication. The forms of communicating learning can be grasped as coping with the unsolvable problem of making the invisible inner-psychical learning of individuals visible. The representation of the invisible is possible by making a sequence of attributions which show a person's transition from ignorance to knowledge. This method of representing learning can be reconstructed empirically from records of everyday conversation. Its pattern consists of the three aspects: diagnosis, correction and evaluation. Communicating learning is a specific way of dealing with the attribution of knowledge/ignorance. It is a constitutional aspect of pedagogical interaction and pedagogical organisation. In the context of the debate on lifelong learning an increasing decoupling of the institutionalised representation of learning from organised teaching can be observed. This goes hand-in-hand with the establishment of ways of representing learning in settings separate from explicit teaching, in which knowledge is applied or negotiated. .

Keywords: communication; learning; treatment of knowledge; universalization of pedagogic situations

 


Harm Kuper/Viola Hartung

Überzeugungen zur Verwendung des Wissens aus Lernstandserhebungen. Eine professionstheoretische Analyse
in: ZfE, 10. Jg. (2007), H. 2, S. 214-229

Zusammenfassung
Mit Lernstandserhebungen wird in das Bildungssystem ein outputorientiertes Steuerungsinstrument implementiert, das Steuerungswissen dezentral auf Schulen und Lehrkräfte verteilt. Damit wird beabsichtigt, empirisches Wissen für professionelles Handeln und Schulentwicklung bereit zu stellen. Die Verwendung der Lernstandserhebungen ist dabei ihrerseits von Professionalität abhängig. Wie die Moderationsfunktion der Professionalität zwischen wissenschaftlichem und praktischem Wissen von den Lehrkräften ausgefüllt wird, ist empirisch noch weitgehend unbeantwortet. Diesen Prozessen näher zu kommen, ist Ziel des hier vorgestellten explorativen Pilotprojekts. Mit einem qualitativen Fallstudiendesign wird ein heuristisches Auswertungsinstrument zur Erfassung der professionellen Überzeugungen von Lehrkräften zur Verwendung von Lernstandserhebungen vorgestellt. Anhand beispielhafter Interviewausschnitte erfolgt eine Plausibilisierung, um es für weiterführende Studien nutzbar zu machen. Im theoretischen Rahmen finden systemtheoretische Professions- und Organisationstheorien Verwendung.

Schlüsselwörter: Lernstandserhebungen; Rezeption; Outputsteuerung; Professionelle Überzeugungen; Fallstudie

Summary
Opinions on the Use of Knowledge Gained From Standardized Pupil Assessments: An Analysis Based on Profession Theory

Standardized pupil assessments provide an education system with an output-oriented steering instrument, which can disseminate steering knowledge decentrally to schools and teaching professionals. The intention is to exploit empirical knowledge for more professional work and better school development. The use of this instrument is, however, dependent on the professionalism of the teachers involved. The way in which the modification function between scientific and practical knowledge is fulfilled is - empirically speaking not yet fully understood. The objective of the pilot project presented here is to investigate this process. On the basis of a qualitative case study design, a heuristic assessment instrument to capture the professional opinion of teachers regarding the use of pupil assessments will be presented. The results will be tested on exemplary sections of interviews in order to make the results useful to further studies. The understanding of professions and organisations in systems theory provides the theoretical framework for this model.

Keywords: case studies; output-steering; professional opinions; reception; standardized pupil assessment

 


Thomas Kurtz

Bildung und Erziehung in der soziologischen Theorie
in: ZfE, 10. Jg. (2007), H. 2, S. 231-249

Zusammenfassung
Anders als die Pädagogik ist die Soziologie nicht unbedingt darauf angewiesen, dass ihre Beobachtungen der Bildungspraxis im Erziehungssystem anschlussfähig sind, sie kann sozusagen in einer radikal distanzierten Beobachterperspektive an die Beschreibung dieses Systems herangehen. Diese These gilt allerdings nicht zugleich auch für die Bildungssoziologie, so dass sich der Beitrag auf den Teilbereich der Soziologie beschränken wird, bei welchem man diese Distanz der Beobachtung am ehesten vermuten könnte. Der Beitrag fragt demzufolge ganz konkret nach der Bedeutung, die dem Thema "Bildung und Erziehung" in der soziologischen Theorie zukommt und konzentriert sich auf die besondere Herangehensweise der drei Autoren, die sich im Rahmen einer soziologischen Theorie am umfangreichsten mit diesem Thema auseinandergesetzt haben: Emile Durkheim, Talcott Parsons und Niklas Luhmann.

Schlüsselwörter: Soziologische Theorie; Bildung; Erziehung; Sozialisation; Durkheim; Parsons; Luhmann

Summary
Education in Sociological Theory

In contrast to pedagogy, sociology is not constrained by the condition that observations of educational praxis must be made directly applicable to the educational system. It can, therefore, start out from a radical, distanced perspective of observation to describe this system. This assumption, however, does not hold for sociology of education, so that this contribution will limit itself to the area of sociology, where this distance of observation is most expected. This contribution asks accordingly what significance the topic Bildung and education has for sociological theory and focusses on the approaches of three authors, who have dealt extensively with this topic in sociological theory: Emile Durkheim, Talcott Parsons and Niklas Luhmann.

Keywords: Bildung; education; socialization; sociological theory; Durkheim; Parsons; Luhmann

 

 


Verena Schurt/Wiebke Waburg

Formal erfolgreich - aber wie wohl fühlen sich Mädchen in ihren Schulen? Zum Befinden von Schülerinnen monoedukativer und koedukativer Gymnasien in Bayern
in: ZfE, 10. Jg. (2007), H. 2, S. 250-270

Zusammenfassung
In verschiedenen während der vergangenen Dekade durchgeführten Studien zum Befinden in Schule und Unterricht wurden beim Vergleich von Jungen und Mädchen Unterschiede zuungunsten adoleszenter Schülerinnen nachgewiesen. Die vorliegende Untersuchung fragt, ob Mädchenschulen im Vergleich mit koedukativen Einrichtungen ein unterstützenderes Umfeld bereitstellen und damit zusammenhängend das Wohlbefinden der weiblichen Jugendlichen in diesen geschlechtersegregierten Lernumgebungen auf einem höheren Niveau liegt. Es wurden Schülerinnen der 8. und 11. Jahrgangsstufe von sechs bayerischen Gymnasien (drei private Mädchenschulen sowie zwei koedukative Privatgymnasien und eine öffentliche koedukative Schule) zum Sozialen Schulklima, zur Lehrer-Schüler-Beziehung sowie ihrer Selbstwirksamkeitserwartung befragt. Bezüglich des Wohlbefindens in der Schule zeigt sich eine Widersprüchlichkeit des Mädchenschulkontextes: In den Bereichen des Sozialen Schulklimas und der Selbstwirksamkeitserwartung werden einige Aspekte von monoedukativ und andere von koedukativ unterrichteten Schülerinnen positiver bewertet, z.T. traten keine Effekte auf. Bei der Bewertung der Lehrer-Schüler-Beziehung zeigten sich keine Unterschiede.

Schlüsselwörter: Monoedukation; Koedukation; Wohlbefinden

Summary
Successful in Terms of Grades
- But How Good Do Girls Feel in Single-Sex Schools? Research on The Well-being of Girls in Mono-educative and Coeducative 'Gymnasien' in Germany (Bavaria)
In the last few years various studies on academic well-being demonstrated differences between girls and boys to the disadvantage of adolescent girls. This research study investigates if girls' schools provide a higher degree of support and, thus, a higher academic well-being for their students. Female 8th and 11th grade students from six Bavarian Gymnasien (comparable to high schools) were investigated regarding variables concerning the domains of social atmosphere in school, teacher-student relationship and self-efficacy. The schools investigated consisted of three private girls-only schools, two private and one public coeducative school. The study produced contradictory results regarding academic well-being in single-sex schools. In the domains of social atmosphere in school and self-efficacy, some scales were rated more positively by mono-educative students, whilst others were rated more positively by co-educative students and in some of the scales no effects appeared at all. Ratings of the teacher-student relationship showed no differences between single-sex and co-educative schools.

Keywords: co-education; mono-education; wellbeing

 


Uwe Maier

Systematische Lehrereffekte bei Übergangsquoten auf weiterführende Schulen. Eine Analyse bildungsstatistischer Daten
in: ZfE, 10. Jg. (2007), H. 2, S. 271-284

Zusammenfassung
Der Übergang in eine weiterführende Schule ist eine zentrale bildungsbiografische Entscheidung, die auf der Grundlage fehleranfälliger selektionsdiagnostischer Urteile getroffen wird. Neben unsystematischen Urteilsfehlern sind unterschiedliche Leistungsanforderungen zwischen den verschiedenen Grundschullehrkräften einer adäquaten Übergangsdiagnostik abträglich. Mit einer Analyse bildungsstatistischer Daten auf Regionalebene wurde deshalb der Frage nachgegangen, welche Auswirkungen Leistungsstandards von Lehrkräften innerhalb einer Grundschule für das Zustandekommen von Übergangsquoten haben. Für einzügige Grundschulen in stark ländlich geprägten Regionen (n=47) konnte ein systematischer Lehrereffekt bei Übergangsquoten auf Hauptschulen und Gymnasien nachgewiesen werden. Über Vorschläge zur Verbesserung der selektionsdiagnostischen Kompetenz von Lehrkräften sollte deshalb weiter nachgedacht werden.

Schlüsselwörter: Übergang; Primarstufe; Sekundarstufe I; Selektionsdiagnostik; Übergangsquoten; Lehrereffekte; Leistungsstandards; Bildungsstatistik

Summary
Systematic Effects of Teachers in to Different School Types
- An Educational Statistics
The transition to different school types at secondary level has a significant impact on German pupils' educational biography, although it is based on selective diagnosis judgements with a high propensity for error. Besides unsystematic mistaken judgement, the different expectations on pupils' performance of different primary school teachers are detrimental to an adequate diagnosis. Using an analysis of educational statistics at regional level, the impact of educational standards of teachers in a primary school on the transition quote was investigated. For primary schools in countryside regions (n=47) a systematic impact of teachers on the transition rate to Hauptschulen (lowest level of secondary schooling) and Gynmasien (academically-oriented secondary school) could be shown. It is, therefore, necessary to further discussions on the improvement of the selection-diagnostic competency of teachers.

Keywords: education statistics; primary level schooling; secondary schools; selection diagnostic; standards of performance; teacher effect; transfer; transfer rates

 


Startseite/Homepage             © Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Stand: 06.07.2007