Peter Büchner/Katrin Wahl
Die Familie als
informeller Bildungsort. Über die Bedeutung familialer Bildungsleistungen im
Kontext der Entstehung und Vermeidung von Bildungsarmut
in:
ZfE, 8.
Jg. (2005), H. 3, S. 356-373
Zusammenfassung
Der Frage nach den
Steigerungsmöglichkeiten der (informellen) "Grundbildung" und der Förderung
von Basiskompetenzen wird aus bildungsbiographischer Perspektive
nachgegangen, indem die familiale Bildungswirklichkeit in ihrem
Wechselverhältnis zur schulischen Bildungswirklichkeit anhand eines
Fallbeispiels dargestellt wird. Am Beispiel der Vermittlung und Aneignung
von information literacy wird gezeigt, dass es unumgänglich ist, in
der schulischen Bildungswirklichkeit von einer Kulturrelativität und
Kulturgebundenheit von information literacy als wichtigem Element von
informeller Bildung auszugehen, die an unterschiedlichen Bildungsorten
erworben wird und eine entsprechende Vernetzung der Bildungsorte
voraussetzt. Um Bildungsarmut zu verhindern und möglichst für alle Menschen
die Voraussetzungen für die Gestaltung eines eigenen Lebenslaufs und die
Entwicklung einer verständigen kulturellen Teilhabe- und sozialen
Anschlussfähigkeit zu schaffen, muss sich, so die These, die Institution
Schule mehr für informelle Bildung und die pädagogische Bearbeitung von
kultureller Differenz sowie den Umgang mit Heterogenität öffnen, damit der
oft diskriminierende Umgang mit kultureller und sozialer Differenz in der
Schule nicht in eine fürsorgliche (pädagogische) Belagerung und Entmündigung
der Schüler durch die Schule umschlägt. Dabei ist es wichtig, die
informellen Bildungsleistungen der Familie anzuerkennen und weiter zu
entwickeln und in Verbindung mit der verstärkten Förderung von
Erziehungspartnerschaften zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften
darauf hinzuarbeiten, die Grundbildung und den Erwerb von notwendigen
Basiskompetenzen zu stärken und das schulische Abwertungsdilemma von
außerschulisch erworbenen informellen Bildungsgehalten "förderdidaktisch" zu
bearbeiten.
Schlüsselwörter: Familiale Bildungsleistungen; Bildungsarmut; informelle
Grundbildung; Basiskompetenzen; Bildungsbiographie
|
|
|
Summary
The Family as
Informal Educational Space - On the significance of families' educational
impact in the context of the emergence and avoidance of educational
deprivation
The possibilities
of optimizing (informal) basic education and the promotion of basic
competencies will be investigated from the perspective of educational
biographies by focusing on the interchange between family and school life in
a case study. Based on the example of passing on and acquiring information
literacy, this paper will show that it is absolutely necessary in school
life to conceive of information literacy as both culturally relative and
culturally bound. It is a vital element of informal learning, which is
acquired in various educational spaces and therefore requires an appropriate
integration of both learning locations. In order
to avoid educational deprivation and to assure that as many people as
possible acquire the necessary competencies to shape their own life and to
achieve cultural and social participation, the school must change. The
institution 'school' must open up, according to this argument, to facilitate
more informal learning and pedagogic treatment of cultural difference and to
better deal with social heterogeneity. This will assure that the frequently
discriminating treatment of cultural and social differences is not simply
replaced by an over-protective (pedagogic) undermining of pupils at school.
It is important to recognize the informal educational impact of the family
and to develop this through further strengthening support of the educational
partnership between parents and teachers, to work towards reinforcing basic
education and the acquisition of basic competencies and to deal positively
with the schools' dilemma of how to deal with informal education acquired
outside of school
Keywords: information
literacy; family educational impact; educational deprivation; informal basic
education; basic competencies; educational biography |
|
|
|
|
|
Ludwig Stecher
Informelles
Lernen bei Kindern und Jugendlichen und die Reproduktion sozialer
Ungleichheit
in:
ZfE, 8.
Jg. (2005), H. 3, S. 374-393
Zusammenfassung
Während der Zusammenhang
zwischen sozialer Herkunft und dem Erfolg schulischen Lernens durch
zahlreiche Studien hinlänglich belegt ist, folgt der vorliegende Beitrag der
Frage, inwieweit dieser Zusammenhang auch für den Bereich des informellen
Lernens gilt. Dabei konzentrieren wir uns auf einen für Kinder und
Jugendliche wichtigen Bereich des informellen Lernens: die Medien. Auf der
Grundlage des Konzepts der Kontextualisierung von Tully und der Theorie
sozialer Reproduktion von Bourdieu gehen wir im Speziellen der Frage nach,
inwieweit Kinder und Jugendliche der Meinung sind, dass man in bestimmten
Medien bzw. Medienangeboten außerhalb der Schule etwas lernen kann - und
inwieweit diese Einschätzungen mit dem soziokulturellen Hintergrund der
Heranwachsenden variieren. Der Beitrag bezieht sich damit nicht auf die
konkrete Handlungsebene des informellen Lernens (wie etwa die tatsächliche
Mediennutzung), sondern zielt auf die Ebene der diesem Handeln zu Grunde
liegenden Haltungen und Einstellungen - auf die 'generativen Schemata von
Praxis' (Bourdieu). Dabei zeigt sich, dass Mädchen, ältere Jugendliche und
Gymnasiasten vor allem auf qualitativ hochwertige Medienangebote - wie
Nachrichten oder Tageszeitungen - als mögliche informelle Lernquellen
setzen, während sie Boulevardformaten - wie Fernsehserien, Talkshows oder
Videoclips - ein solches Potenzial absprechen. Lediglich männliche
Hauptschüler gewichten das Lernpotenzial von Qualitäts- und Boulevardmedien
annähernd gleich.
Schlagwörter: informelles Lernen;
Kontextualisierung; soziale Ungleichheit; Medien
|
|
|
Summary
Informal
Learning by Children and Young People and the Reproduction of Inequality
Whilst the connection between social background and success in school
learning has been proven in numerous studies, this contribution deals with
the question of whether such a connection is also to be found in informal
learning. In this, we focus on an important domain for informal learning by
children and young people - the media. On the basis of the concept of
contextualization from Tully and the theory of social reproduction from
Bourdieu,
we will specifically investigate the extent to which children and young
people think that it is possible to learn something from particular media
services outside of school - and to what extent these judgments vary in
accordance with young people's cultural background. The paper deals,
therefore, not with the domain of concrete actions in respect of informal
learning (such as the actual use of media), but focuses on the disposition
and attitudes behind such actions - on the 'generative schemes of practice'
(Bourdieu).
It can be seen that young girls, older boys and pupils of Gymnasien (top of
hierarchy in German secondary school system) rely particularly on high
quality media - such as news and daily newspapers - as possible sources of
informal learning, whilst they judge more popular media formats - such as
television series, talk shows or video clips - to have no such potential.
Singularly, male pupils from Hauptschulen (bottom of hierarchy in German
secondary school system) weight the potential for learning of both types of
media as broadly similar.
Keywords:
informal learning; contextualization;
social
inequality; the media
|
|
|
|
Wiebken Düx/Erich
Sass
Lernen in
informellen Kontexten. Lernpotenziale in Settings des freiwilligen
Engagements
in:
ZfE, 8.
Jg. (2005), H. 3, S. 394-411
Zusammenfassung
In der aktuellen
Diskussion um Bildung und Lernen wird jetzt auch in Deutschland dem
"Informellen Lernen" verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet. Die Autoren halten
diesen Begriff allerdings für unscharf und sprechen daher von "Lernen in
informellen Kontexten". Der Beitrag bezieht sich auf erste Ergebnisse eines
empirischen Forschungsprojekts der Universität Dortmund und des Deutschen
Jugendinstituts zu informellen Lernprozessen Jugendlicher in Settings des
freiwilligen Engagements. Nach einer kurzen Darstellung des
Forschungsdesigns werden, basierend auf einer ersten Analyse der in der
Explorationsphase des Projektes geführten Interviews, die besonderen
Strukturbedingungen der untersuchten Settings (Jugendverbände, Initiativen
und Organisationen der politischen Interessenvertretung) sowie die
Lernchancen in diesen Kontexten beschrieben. Im abschließenden Teil des
Beitrags werden erste Ergebnisse zu den Wirkungen und Ergebnissen des
Lernens durch Verantwortungsübernahme im freiwilligen Engagement
vorgestellt. Bereits in der Explorationsphase konnten eine Reihe
unterschiedlichster, im Engagement entwickelter Kompetenzen identifiziert
werden. Neben der Möglichkeit personale, soziale, fachliche und
organisatorische Kompetenzen zu erwerben oder zu erweitern, scheint eine
freiwillige Verantwortungsübernahme vielfältige Chancen der
Persönlichkeitsentwicklung, der biografischen Orientierung, der Sinnstiftung
sowie der Teilhabe an der Erwachsenenwelt zu eröffnen.
Schlüsselwörter: Lernen in
informellen Kontexten; freiwilliges Engagement; ehrenamtliche Tätigkeit;
Kompetenzerwerb; Persönlichkeitsentwicklung
|
|
|
Summary
Learning
in Informal
Contexts - The learning potential of settings based on voluntary involvement
In contemporary debates on education and
learning in Germany more attention
is being paid to informal learning. The authors of this paper, however, see
this particular term as too imprecise and refer instead to 'learning in
informal contexts'.
This contribution is
based on first results of an empirical research project between the
University of Dortmund and the German Youth Institute (Deutsches
Jugendinstitut) on young peoples' informal
learning patterns in voluntary
settings.
Following a brief
presentation of the research design, the distinct structural conditions of
the investigated settings (youth organizations, initiatives and
organizations which represent various political interest groups) and the
opportunities for
learning in these contexts will be presented, based on a
preliminary analysis of the interviews carried out in the exploratory phase
of this project. In the
final section of the paper, first results on the
effects and impacts of learning through taking on responsibility in
voluntary settings will be proffered. A number of very different
competencies, developed during involvement in such settings, can already be
identified in the exploratory phase.
Besides the
opportunity to acquire or extend personal, social, organizational and
subject-specific competencies, voluntarily taking on responsibility appears
to open up multifarious chances of developing identity, biographic
orientation and participation in the ‘adult world’.
Keywords: learning
in informal contexts; voluntary involvement; voluntary work; competency
acquisition; identity development
|
|
|
|
Manuela Pietraß/Bernhard Schmidt/Rudolf Tippelt
Informelles
Lernen und Medienbildung. Zur Bedeutung sozio-kultureller Voraussetzungen
in:
ZfE, 8.
Jg. (2005), H. 3, S. 412-426
Zusammenfassung
Der Begriff des
informellen Lernens wird hier auf den Wissenserwerb im Rahmen der
alltäglichen Nutzung von Massenmedien bezogen. Bei der genaueren Betrachtung
des Mediennutzungsverhaltens von verschiedenen Altersgruppen erweisen sich
sozio-kulturelle Unterschiede als wichtige Prädiktoren für Mediennutzung und
-rezeption. Das Konzept der sozialen Milieus eignet sich zur Analyse
sozio-kultureller Differenzen, auch mit Blick auf die Medienbildung. Bei
Kindern scheint das Herkunftsmilieu der Eltern einen zentralen Einfluss auf
deren Medienbildung zu haben, während im Jugendalter auch jugendkulturelle
Rahmungen bedeutsam werden. Medienrezeption wird dabei nicht als einseitiger
Prozess, sondern als kommunikative Interaktion zwischen Medienproduzenten
und Medienkonsumenten verstanden. Letztere bringen in der Wahl von Medien,
Genres und Rezeptionskontexten auch ästhetische Präferenzen und ihren
sozio-kulturellen Habitus zum Ausdruck.
Schlüsselwörter: Medienbildung;
Medienrezeption, Milieu; Massenmedien; Differenzierung
|
|
|
Summary
Informal
Learning and Media Education - On the significance of socio-cultural
preconditions
The term informal learning will be referred to here to mean knowledge
acquisition through the daily use of mass media. A closer look at behavior
in respect of media use by different age groups shows socio-cultural
differences to be significant predictors of media use and reception. The
concept of social milieus is suitable for an analysis of socio-cultural
differences, also regarding media reception. The social milieu of children's
parents appears to be a central influence on their media education, whilst
for young people influences through youth culture become important. Media
reception is not conceived of as a one-sided process, but as a communicative
interaction between media producers and consumers. The latter also express
aesthetic preferences and their sociocultural disposition (habitus) through
their choice of media, genres and the contexts of their media reception.
Keywords: media education; media reception; milieu; mass media;
differentiation |
|
|
|
Frank
Fischer/Mira Waibel/Christof Wecker
Nutzenorientierte Grundlagenforschung im Bildungsbereich. Argumente einer
internationalen Diskussion
in:
ZfE, 8.
Jg. (2005), H. 3, S. 427-442
Zusammenfassung
In diesem Beitrag werden
zentrale Themen einer internationalen Diskussion aufgegriffen, die sich in
den letzten Jahren ausgehend vom Befund der mangelnden Anwendung von
Forschungsergebnissen im Bildungsbereich entsponnen hat. Drei Typen von
Lösungsvorschlägen für dieses Problem werden unterschieden: (1) Positionen,
die vor allem methodische Strenge empfehlen, wie etwa der Bericht "Scientific
Inquiry in Education" des US-amerikanischen National Research Council, (2)
Ansätze wie die Design-Forschung oder der Integrative Forschungsansatz, die
praxisrelevantere Erkenntnisse durch veränderte Forschungsstrategien
anstreben, und (3) ingenieurwissenschaftlich beeinflusste Vorschläge für
Mechanismen, wie Forschungsergebnisse in die breite Anwendung gebracht
werden können. Abschließend werden Konsequenzen und offene Diskussionspunkte
für die Forschung im Bildungsbereich benannt.
Schlüsselwörter:
Bildungsforschung; nutzenorientierte Grundlagenforschung;
Wissensakkumulation; Pasteurscher Quadrant; Designforschung; integrativer
Forschungsansatz; Forschungs-Praxis-Transfer
|
|
|
Summary
Use-inspired Basic Research in Education - Arguments of an international
discussion
This article takes up central issues of an international discussion that
has evolved over the last couple of years departing from the diagnosis that
there is a lack of application of research findings in the field of
education. Three types of solutions have been suggested for this problem:
(1) positions mainly recommending methodological rigor, such as, for
instance, the report "Scientific Inquiry in Education" of the National
Research Council in the United States, (2) approaches such as Design-Based
Research or the Integrative Research Approach, which strive to achieve
insights of greater practical relevance by employing adjusted research
strategies and (3) engineering-inspired approaches for mechanisms by which
research findings can be scaled up to broad application. In this article, we
first describe these three types of approaches and then indicate
consequences and unsettled issues in the discussion on research in the field
of education.
Keywords:
educational research; use-inspired basic research; knowledge accumulation;
Pasteur' s quadrant; design-based research; integrative research approach;
research-practice transfer |
|
|
|
|
Yasuo Imai
Elemente des
Widerstandes in der Medienpädagogik Adolf Reichweins
in:
ZfE, 8.
Jg. (2005), H. 3, S. 443-463
Zusammenfassung
Adolf Reichwein
(1898-1944) entwickelte unter der nationalsozialistischen Herrschaft eine
reformpädagogische Schulpraxis, die sich auf die Ideen der selbsttätigen
Arbeit und der arbeitsfördernden Gemeinschaft stützte. Obwohl sich Reichwein
für die Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus engagierte, was
ihn sein Leben kostete, ist es nicht einfach, in seiner Pädagogik Elemente
des Widerstandes zu identifizieren, zumal nationalsozialistische
Organisationen Praxisberichte Reichweins begrüßten: Die Ideen der
Selbsttätigkeit und der Gemeinschaft erwiesen sich als ausnutzbar für die
nationalsozialistische Schulpolitik. Unter Berücksichtigung der
propagandistischen Wirklichkeit des Dritten Reichs versucht diese
Abhandlung, Elemente des Widerstandes nicht in der Selbsttätigkeit im
Projekt-Unterricht zu identifizieren, sondern im ästhetischen
Experimentieren mit der Wahrnehmung, was die Wirkungen der
nationalsozialistischen Propaganda unterlaufen sollte. Seine Medienpädagogik
ist systematisch als ein Versuch zu interpretieren, der Wahrnehmung
Freiräume zu schaffen und gegen subtile Propaganda zu wappnen.
Schlüsselwörter: Adolf Reichwein;
Reformpädagogik; Geschichte der Medienpädagogik; Vorhaben; Gemeinschaft;
nationalsozialistische Propaganda; Widerstand gegen den Nationalsozialismus
|
|
|
Summary
Elements
of Resistance in Adolf Reichwein's Media Education
Adolf Reichwein (1898-1944) developed a form of progressive schooling (Reformpädagogik)
under the National Socialist regime, which was based on the ideas of
independent working and supportive communities. Although Reichwein was
active in the resistance movement against the National Socialists, which
indeed ultimately cost him his life, it is not easy to identify elements of
resistance in his pedagogy, especially since the National Socialist
organizations welcomed Reichwein's practice reports: The ideas of
self-activity and community proved to be utilizable for the school policy of
the National Socialists. By recognizing the propaganda-led reality of the
Third Reich, this paper attempts to find elements of resistance not in the
independent project work, but in the aesthetic experiments with perception,
which were practiced to undermine the National Socialist propaganda.
Reichwein's media pedagogy must be interpreted systematically as an attempt
to create free spaces for perception and to protect against subtle
propaganda.
Keywords: Adolf Reichwein;
Reformpädagogik;
Progressive
Education; history of Media Education; community; National Socialist
propaganda; resistance
against National Socialism
|
|
|
|