Hans Oswald/Lothar Krappmann

Soziale Ungleichheit in der Schulklasse und Schulerfolg - Eine Untersuchung in dritten und fünften Klassen Berliner Grundschulen

 
in: ZfE, 7. Jahrg., Heft 4/2004, S. 479

Zusammenfassung
In dieser Arbeit verfolgen wir die Frage, ob sich auf den Schulerfolg nicht nur die sozioökonomische Lage der Herkunftsfamilie (SES) und der Erziehungsstil der Eltern auswirken, sondern auch die in jeder Schulklasse entstehende Ungleichheit der Kinder nach ihrem sozialen Rang. Zur Beantwortung stehen Daten aus einer Querschnittsuntersuchung an zwei Berliner Schulen zur Verfügung, an der 234 Mädchen und Jungen aus zehn Schulklassen der dritten und fünften Jahrgangsstufe untersucht wurden. Zunächst zeigte sich, dass der Schulerfolg – hier gemessen an der Durchschnittsnote aus Mathematik, Deutsch und Sachkunde sowie am Urteil des Klassenlehrers über die Lernbefähigung – wie in der PISA-Studie von SES und Erziehungsstil der Eltern beeinflusst wird. Zusätzlich hängen aber der soziometrisch gemessene Einfluss- und Beliebtheitsrang der Kinder und ihr Verhalten gegenüber anderen Kindern mit dem Schulerfolg zusammen, wobei dieser Zusammenhang mit dem Lehrerurteil über die Lernbefähigung noch ausgeprägter ist als mit derDurchschnittsnote. Diese Zusammenhänge bleiben erhalten, wenn für SES und Erziehungsstil kontrolliert wird. Dabei dürfte es sich um Wechselwirkungen handeln. Für künftige Längsschnittforschung richtungsweisend ist aber die generalisierende Interpretation und Feststellung: Die auf der Grundlage von Interaktionen und Kommunikationen unter Kindern entstehende Ungleichheit des sozialen Ranges der Kinder in der Schulklasse wirkt sich ebenso auf den Schulerfolg aus wie die soziale Un-

Summary

Social Inequality in Schools and School Success – An investigation in years 3 and 5 in Berlin primary schools

This paper deals with the question of whether success in schools is not solely attributable to the socio- economic background of pupils’ families (SES) and the style of children’s upbringing, but also to the inequality of pupils in respect of their social rank in the classroom. This question will be investigated on the basis of data from two Berlin schools which includes 234 pupils from ten classes in the third and fifth years. The analysis shows how school success as measured by average marks in maths, German and general studies and  by the judgment of children’s learning ability by their classroom teacher – as in the PISA-study – is influenced by SES and how parents bring up their children. Further, the socio-metric measurement of children’s popularity and influence and their behavior towards other children correlates with school marks and moreso still with teachers’ judgments of their learning ability. This correlation remains even when controlled for SES and style of upbringing. This is likely to be attributable to interdependencies. The following general interpretation will give the direction of future longitudinal studies: Inequalities of social rank between children, which emerge based on their interaction and communication with each other, influence success at school just as family background and style of upbringing do. Processes in children’s personal worlds, therefore, promote or hinder their chances for learning and subsequently for life.


Renate Möller/Wilhelm Heitmeyer


Anerkennungsdefizite und Vorurteile - Ergebnisse einer Langzeituntersuchung mit Jugendlichen unterschiedlicher ethnischer Herkunft

in: ZfE, 7. Jahrg., Heft 4/2004, S. 497

Zusammenfassung

Anerkennungstheoretische Überlegungen und Vorurteile gewinnen zunehmend an Bedeutung bei der Analyse und Erklärung problembehafteter Verhaltensweisen. In diesem Beitrag wird der Frage nachgegangen, ob Anerkennungsdefizite zu Vorurteilen zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft führen. Dabei wird der Versuch unternommen, diese Vorurteile als Resultat gesellschaftlicher Prozesse zu formulieren, die in der Interaktion auf Gruppenebene angesiedelt sind. Der theoretische Ausgangspunkt ist der „group-positioning“-Ansatz von BLUMER. Die empirische Analyse erfolgt auf der Basis einer Langzeituntersuchung mit türkischen, Aussiedler- und deutschen Jugendlichen. Die Ergebnisse zeigen, dass negative Anerkennungsbilanzen signifikante Effekte auf die Interaktionen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen haben.

Summary

Regonition-deficiency and Prejudices

Theories on recognition and prejudices are becoming increasingly important for analyses and explications of problematic behavior. This contribution investigates whether situations of recognition- deficiency can lead to prejudices between young people of different backgrounds. An attempt will be made to re-formulate such prejudices as the result of societal processes, which, in turn, can be seen as interactive processes at group-level. The theoretical starting point taken is the grouppositioning approach from BLUMER. The empirical analysis is based on a longitudinal study of young people from Turkey and Germany and resettlers. The results show that a negative balance in terms of recognition can have significant effects on the interaction between differing ethnic groups.


Heike Förster/Jan Skrobanek

Leben am Rande? Dimensionen der Benachteilung von Jugendlichen - Eine explorative Studie

in: ZfE, 7. Jahrg., Heft 4/2004, S. 518

Zusammenfassung

Ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital zählen zu den zentralen Determinanten des Übergangs von Jugendlichen in die Ausbildung und in den Beruf. Allerdings zeichnen sich diese Faktoren durch eine relativ hohe interpersonelle Variabilität aus, die gerade in Bezug auf benachteiligte junge Erwachsene einer differenzierten Analyse bedarf. Der folgende Beitrag möchte deshalb zunächst in Anlehnung an die Kapitalientheorie von Pierre Bourdieu die Frage untersuchen, ob es innerhalb der Gruppe von benachteiligten Jugendlichen Unterschiede in der Kapitalausstattung gibt, und ob diese eine Wirkung auf den Verbleib in und den Anschluss an eine Maßnahme haben. Anhand eines Datensatzes, der im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung des Modellprogramms „Freiwilliges soziales Trainingsjahr“ (FSTJ) durch das Deutsche Jugendinstitut generiert wurde, werden theoretische Annahmen zu unterschiedlicher Kapitalausstattung benachteiligter Jugendlicher im FSTJ und ihre Wirkungen empirisch überprüft.

 
 

Summary

Living on the Edge? Dimensions of disadvantage in young people – An explorative study

Economic, social and cultural capital are counted amongst the central determinants of the transfer between young people's training and their entering an occupation. However, these factors demonstrate a relatively high interpersonal variance, which necessitates a more detailed analysis, in particular in respect of disadvantaged young adults. This contribution investigates in line with the capital theory of Pierre Bourdieu whether there are differences in the resource capital within groups of disadvantaged youth and whether these affect participation in support programs. Based on data which were generated during the scientific support of a pilot program called “Voluntary social training year” by the German Institute for Youth Studies (DJI), it was possible to check the theoretical assumptions of varying resource capital against the empirical effects..


Katharina Maag Merki

Lernkompetenzen als Bildungsstandards – eine Diskussion der Umsetzungsmöglichkeiten

in: ZfE, 7. Jahrg., Heft 4/2004, S. 537

Zusammenfassung

In Deutschland liegt seit 2003 ein Konzept zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards vor. Bildungsstandards beziehen sich auf einen bestimmten Lernbereich. Innerhalb der Standards dieser Lernbereiche sollen zudem fächerübergreifende Bildungsziele als Standards berücksichtigt werden. Lernkompetenzen, die in diesem Artikel fokussiert werden, stehen in einer Zusammenstellung möglicher fächerübergreifender Bildungsziele an erster Stelle. Im Gegensatz zur Umsetzung von fachlichen Kompetenzen als Bildungsstandards liegen bislang allerdings keine Vorschläge vor, wie Lernkompetenzen innerhalb der Standards der einzelnen Lernbereiche umgesetzt werden können. Der vorliegende Artikel soll einen Beitrag zur Klärung der Frage leisten, inwiefern dies auf der Basis des vorliegenden Konzepts nationaler Bildungsstandards realisierbar ist. Die Diskussion zwei der zentralsten Punkte des Bildungsstandardskonzepts zeigt, dass sich Lernkompetenzen ohne eine Reformulierung des Referenzrahmens von Bildungsstandards nur partiell als Standards umsetzen lassen. Im letzten Kapitel werden in der Folge Umsetzungsmöglichkeiten zur Etablierung von Lernkompetenzen als Bildungsstandards diskutiert.

 
 
 
Summary

Learning Competencies as Educational Standards – A discussion on implementation possibilities

A concept for the development of national educational standards has existed in Germany since 2003. Each specific area of learning has a set of educational standards related to it. These standards should additionally include cross-curricular educational goals. Learning competencies, which are the focus of this article, have a predominant place in discussions on potential cross-curricular educational goals. However, in contrast to the implementation of subject-specific competencies as educational goals, suggestions on how learning competencies could be implemented within the standards for subject areas are not yet apparent. An attempt will be made to clarify the question of how this may be achieved on the basis of the existing concept for educational standards. A discussion of two of the central points in the current concept demonstrates that learning competencies can only be partially implemented without reformulating the current framework of reference. The final section discusses the possibilities for implementing learning competencies as educational standards in the light of this analysis.

 
 
 
 
 

Eva-Maria Lankes

Leseunterricht in der Grundschule - Unterschiede zwischen Lehrkräften im internationalen Vergleich

in: ZfE, 7. Jahrg., Heft 4/2004, S. 551

Zusammenfassung
Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU/PIRLS untersuchte die Leseleistungen von Kindern am Ende der vierten Jahrgangsstufe in 35 Staaten. Der Beitrag nutzt die Daten dieser Studie und vergleicht mit einem Fragebogen erhobene Angaben der Lehrkräfte zum Leseunterricht aus den Staaten der Europäischen Union, die an der Studie teilgenommen haben. Es wird untersucht, ob sich in dem international gemischten Datensatz Gruppen von Lehrkräften mit ähnlichen Vorstellungen von Unterricht identifizieren lassen und ob diese Gruppen als länderspezifisch zu bewerten sind. Mit der Methode der Latent Class Analyse lassen sich vier Gruppen von Lehrkräften unterscheiden, die schülerorientiert-individualisierende bzw. lehrergelenkt-klassenbezogene Maßnahmen im Leseunterricht unterschiedlich gewichten. Wie die Ergebnisse zeigen, verteilen sich die Typen unterschiedlich auf die Länder. In einigen Ländern sind die Lehrkräfte überwiegend dem gleichen Typ zuzuordnen, in anderen Ländern zeigen sich mehrere Typen gleichzeitig. Insgesamt finden sich Hinweise auf unterschiedliche Kulturen im Leseunterricht der Grundschule.

 
 

Summary

Reading Lessons in Primary Schools – An international comparison of differences between teachers

The Progress of International Reading Literacy Study (IGLU/PIRLS) assessed the reading competencies of fourth grade children in 35 nations. This contribution deals with data from this study, focusing on the teacher questionnaire and comparing teachers from EU nations participating in PIRLS. The teachers were asked how they usually structure their reading lessons. The study investigates whether groups of teachers with similar ideas about lessons can be found and whether these groups can be seen as national types. Using latent class analysis (LCA) four groups of teachers could be identified, which differ concerning the degree of pupil orientation and individualization, and teacher and classroom orientation. The findings show different distributions of the four types of teachers in the participating EU nations. Whereas in some countries one predominant type could be found, other countries are characterized by different constellations which, all in all, seems to indicate that there are cultures of reading instruction in primary education and that these cannot solely be explained as national types.


 
 

Jürgen Seifried

Schüleraktivitäten beim selbstorganisierten Lernen und deren Auswirkungen auf den Lernerfolg

in: ZfE, 7. Jahrg., Heft 4/2004, S. 569

Zusammenfassung

Ein grundlegendes Gestaltungselement des selbstorganisierten  Lernens in Form projektorientierter Bearbeitung komplexer Probleme in Kleingruppen ist die Eigenaktivität der Lernenden. Zielsetzung, Problemlösung und Handlungskontrolle sollen in einer selbstorganisationsoffenen Lernumgebung vornehmlich von den Lernenden selbst übernommen werden. Im Zuge der gemeinsamen Problembearbeitung werden Schüler dazu angehalten, eigene Kenntnisse zu externalisieren und gemeinsam Modellvorstellungen und Begriffe zu konstruieren. In diesem Kontext geht man davon aus, dass lerninhaltsbezogene Aktivitäten von Schülern zu einem höheren Lernerfolg führen. In dem den Ausführungen zugrunde liegenden Forschungsprojekt wurde dem Aspekt der Lerneraktivität während schülerzentrierter Arbeitsphasen besonderes Augenmerk geschenkt. Mit Hilfe dreier alternativer Kategorienschemata (Problemlöseprozess, Verwendung von Fachtermini sowie Schülerfragen) wurde die Eigenaktivität einer Teilstichprobe (zwei Arbeitsgruppen mit neun von insgesamt 22 Untersuchungsteilnehmern einer Berufsschulklasse) analysiert. Dabei zeigte sich, dass erwartungsgemäß ein überzufälliger Zusammenhang zwischen der Schüleraktivität und dem Lernerfolg (Problemlösefähigkeit) besteht. Die Lernenden konnten den beim selbstorganisierten Lernen bestehendeneiraum eigenverantwortlich nutzen.

 

Summary

Pupils’ activity within self-organized learning environments and its effects on learning success

The individual activity of learners is a central element of self-organized learning in the form of project-orientated processes of complex problemsolving in small groups. In learning environments open to self-organized learning, goal definition, problem-solving and activity control should be largely determined by the learner. In the process of solving problems, pupils are required to externalize their own knowledge and to assist in the construction of common terms and models of understanding. It is assumed that activities directly related to the learning context will lead to a higher level of success for the pupils involved. In the research project on which this contribution is based, particular attention was paid to learners’ activity during the pupil-centered work phases. Three alternative category schemes (problem-solving process, utilization of technical terms, pupils’ questions) were used to analyze the individual activity within the study sample (two work groups of nine from a total of 22 participants from one vocational school class). As expected, a non-random relation between pupils’activity and their learning success (problem-solving ability) was found. The learners were able to make use of the freedom afforded to them by a self-organized learning environment in a responsible way.

 


Startseite/Homepage             © Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Stand: 23.06.2005