Christiel Adick

Globale Trends weltweiter Schulentwicklung:
Empirische Befunde und theoretische Erklärung
in: ZfE, 6. Jahrg., Heft 2/2003, S. 173-188

Zusammenfassung
Gegenstand des Aufsatzes sind die weltweiten Bildungsentwicklungen etwa der letzten 200 Jahre. Im ersten Teil wird die Entstehung moderner Bildungssysteme in ihrer Empirie und Typik anhand von Studien vor allem der sog. Stanfordgruppe um J. W. MEYER u.a. angesprochen und mit neueren Daten zu einem Bündel von Indikatoren verdichtet, welches die These nahe legt, dass mit den weltweiten Schulentwicklungen - abgekürzt gesagt - ein neues Weltmodell Schule entstanden ist. Anschließend werden die neo-institutionalistischen Erklärungen dieses historischen Prozesses vorgestellt. Als Alternative zu diesen wird sodann der Weltsystem-Ansatz im Anschluss an WALLERSTEIN in seiner Relevanz für die historisch vergleichende Bildungsforschung befragt. Während der neo-institutionalistische Ansatz die dominante Logik der kapitalistischen Weltökonomie unterschlägt, besteht bei unkritischer Anwendung des Weltsystem-Ansatzes die Gefahr, Schulgeschichte ökonomistisch zu verkürzen. Als vermittelnde Theorien werden deshalb die BOURDIEUsche Kapitaltheorie und das Theorem der relativen Autonomie des Bildungswesens sowie die PIAGETschen Vorstellungen vom lernenden und sich entwickelnden Subjekt vorgeschlagen, da diese im Anschluss an HABERMAS auch auf Lern- und Entwicklungsprozesse von Gesellschaften anwendbar sind.

Summary:
Global trends in world-wide education: Empirical evidence and theoretical explanations

The paper discusses word-wide developments in education over the last 200 years. The first section introduces empirical and typological studies, in particular those of the so-called Stanford group around J.W. MEYER and others, on the development of modern education systems. These studies will be supplemented with new data to present a set of indicators, which appear to show that world-wide developments in schooling have lead - put succinctly - to a new global model of education. Neo-institutionalistic explanations for the historical process will be presented. Alternatively, the world-system approach following WALLERSTEIN will be discussed in regard of its relevance for historical-comparative educational research. Whilst the neo-institutionalistic approach underestimates the dominant logic of the capitalist world economy, an uncritical reference to the world-system approach entails the danger to curtail the history of schooling in an economistic way. In order to bridge the gap between culturalistic neo-institutionalism and economistic world-system theory, the author suggests to take into account BOURDIEU's capital theory and the relative autonomy of education, and PIAGET's concept of learning and the development of the individual, which has also been applied to societies as learning and developing systems by HABERMAS.


Melinda Mills/Hans-Peter Blossfeld

Globalization, Uncertainty and Changes in Early Life Courses

in: ZfE, 6. Jahrg., Heft /2003, S. 188-219

Summary
Increasing uncertainty about economic and social developments is a definitive feature of globalization in advanced economies. However, increasing uncertainty does not impact all regions, states, organizations or individuals in the same way. There are institutional settings and social structures, historically grown and country-specific, that determine the degree to which people are affected by rising uncertainty. This paper develops a multi-level theoretical framework and summarizes the main empirical results from the first phase of the international research project GLOBALIFE. There is empirical evidence that youth in all countries are clearly exposed to more uncertainty in the course of globalization. Yet uncertainty is unequal, with risk accumulating in certain groups, generally those at the bottom. Uncertainty impacts family formation, with those in more precarious positions more likely to postpone or forgo partnership and parenthood. Youth develop rational responses to this uncertainty, which we identified in the form of diverse behavioral strategies. A notable result is that young men and women are affected and respond differently to uncertainty, resulting in an unmistakable gender-specific strategy, particularly in the male-breadwinner societies. We show overwhelming support for the expectation that nation-specific institutions serve to shield or funnel this uncertainty in unique ways and to particular groups of youth.

Zusammenfassung
Globalisierung, Ungewissheit und Wandel in Lebensläufen Jugendlicher und junger Erwachsener
Zunehmende Flexibilitätserfordernisse und wachsende Unsicherheiten bezüglich ökonomischer und sozialer Entwicklungen sind ein wesentliches Merkmal des Globalisierungsprozesses in modernen Gesellschaften. Diese Unsicherheiten betreffen aber nicht alle Regionen, Staaten, Organisationen und Individuen in derselben Weise. Historisch gewachsene, länderspezifische Institutionen und soziale Strukturen kanalisieren diese Prozesse und bestimmen die Intensität, in der die Individuen den wachsenden globalen Unsicherheiten ausgesetzt sind. Der vorliegende Beitrag entwickelt eine Mehrebenen-Theorie für diese Prozesse und fasst die ersten empirischen Ergebnisse des GLOBALIFE-Projekts, das sich zunächst mit den Effekten der Globalisierung auf den Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen beschäftigt hat, kurz zusammen. Die international vergleichende Studie liefert insbesondere Belege dafür, dass vor allem Jugendliche und junge Erwachsene den Veränderungen durch den Globalisierungsprozess besonders stark ausgesetzt sind. Wachsende Unsicherheiten werden vor allem auf sie abgewälzt und Flexibilisierungsbestrebungen gehen insbesondere zu ihren Lasten. Dabei kumulieren diese Risiken bei den benachteiligten Gruppen, die sich am wenigsten wehren können. Vermittelt über die wachsenden Unsicherheiten in den Beschäftigungsverhältnissen ergeben sich auch indirekte Wirkungen für die Familienbildung. Junge Leute mit befristeten Beschäftigungsverhältnissen, Teilzeitarbeit oder anderen prekären Arbeitsverhältnissen entwickeln neue Strategien, schieben ihre Familienbildung deutlich auf, optieren vermehrt für nicht-eheliche und damit flexiblere Partnerschaften oder verzichten sogar ganz auf Kinder. In diesem Zusammenhang zeigen sich auch deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede, vor allem in den Ländern mit eher traditionellem Familiensystem.

Ute Lanzendorf/Ulrich Teichler

Globalisierung im Hochschulwesen - ein Abschied von etablierten Werten der Internationalisierung?

in: ZfE, 6. Jahrg., Heft 2/2003, S. 219-239

Zusammenfassung
Gibt es Anzeichen dafür, dass der Trend zum grenzübergreifenden Angebot von Hochschulbildung und zur Gründung hochschulischer Außenstellen im Ausland die auf gegenseitigem Verständnis und Vertrauen beruhende internationale Hochschulkooperation obsolet macht und sie durch einen internationalen Hochschulwettbewerb ersetzt? Diese Frage wird aus empirisch-deskriptiver Perspektive behandelt. Die Autoren verstehen Globalisierung nicht als eine notwendigerweise mit einem bestimmten Wertesystem verknüpfte kausale Kraft hinter jüngeren Entwicklungstrends, sondern als ein zunächst lediglich beschreibendes Konzept, dessen Diskussion die sorgfältige Analyse der ihm zugrunde liegenden empirischen Prozesse voraussetzt. Unter dieser Grundannahme werten sie erste vorliegende Studien zur Struktur und Ausbreitung der Transnational Education aus und ergänzen sie um eine Analyse aktueller Entwicklungen hinsichtlich Studienimport und -export in Deutschland. Zudem werden überblicksartig die Implikationen des internationalen Dienstleistungsabkommens GATS für das Hochschulwesen erörtert. Auf diese Weise kann eine Reihe von Bezügen zwischen etablierten Werten der Internationalisierung und globalisierungstypischen Phänomenen im Hochschulwesen ausgemacht werden.
 
 

Summary
Globalization in Higher Education - The demise of established values for internationalization?
There are signs for a trend towards cross-country provision of higher education and the establishment of university branches in foreign countries. Does this mean that cooperation initiatives between institutions of higher education, which were based on mutual understanding and trust, are becoming obsolete and being replaced by international competition? This issue will be dealt with from an empirical-descriptive perspective. The authors do not see globalization as founded on a particular value system nor is it necessarily a causal dynamic behind recent development trends. It is viewed instead as a descriptive concept, which can only be discussed on the basis of an investigation of empirical processes. In accordance with this proposition, the authors evaluate the first studies on the structure and dispersion of transnational education and supplement them with an analysis of recent import and export data for German higher education. An overview of the implications for higher education of the international trade agreement GATS will also be included. Through this, it is possible to identify the relationship between established values of internationalization and phenomena typical for globalization in higher education.


Ralf Bohnsack

Qualitative Methoden der Bildinterpretation
in: ZfE, 6. Jahrg., Heft /2003, S. 239-257


Summary
Die erheblichen Fortschritte der qualitativen Methoden in den vergangenen zwanzig Jahren sind eng mit dem "linguistic turn" verbunden. Dessen Konsequenzen ebenso wie die für die empirische Sozialforschung ganz allgemein gültige Prämisse, dass Protokollsätze, also Texte, die nicht mehr hintergehbaren Grunddaten der (sozial?)wissenschaftlichen Analyse darstellen, haben zu einer Dominanz textinterpretativer Verfahren und zu einer "Textfixierung" qualitativer Methodologien geführt. Insbesondere - und dies ist gerade für die Erziehungswissenschaft besonders folgenschwer - wurde in der qualitativen Forschung nicht unterschieden zwischen einer (textförmigen) Verständigung über das Bild und einer (textunabhängigen) Verständigung durch das Bild, d.h. im Medium des Bildes. Den methodischen Zugang zur letzteren Ebene, derjenigen einer vorbegrifflichen oder "atheoretischen" Verständigung im Medium des Bildes, haben in den 1920er-Jahren bereits Erwin PANOFSKY mit seiner Ikonologie und sein Zeitgenosse Karl MANNHEIM mit der dokumentarischen Methode eröffnet. Zwischen diesen Methodologien und denjenigen der Semiotik zeigen sich wesentliche Korrespondenzen. Aus der Einsicht, dass die Ikonizität in ihrer Eigenlogik der Sprache nicht in adäquater Weise zugänglich ist, lässt sich mit Bezug auf die genannten Autoren sowie u.a. BARTHES, FOUCAULT und IMDAHL die methodologische Konsequenz ziehen, dass wir unsere Konnotationen, unser sprachvermitteltes ikonographisches Vorwissen, soweit wie möglich ‚einklammern', also suspendieren müssen, wenn wir der Eigenart des Bildes gerecht werden wollen. Dabei führt der methodische Weg zur Rekonstruktion der Eigensinnigkeit des Bildes über dessen Formalstruktur - insbesondere über die planimetrische Struktur.

 
 
 
Summary
Qualitative Methods of Interpreting Pictorial Images
The considerable progress in qualitative methods during the last twenty years is essentially connected with the "linguistic turn". The presumption that textual records are the basic data of all scientific research and its consequences are responsible for the predominance of methods of text-interpretation and for the particular ‚fixation' on texts in qualitative methodologies. However, there is a lack of differentiation between a communication about pictures and a communication through pictures, ie. a text-independent understanding via the medium of pictures. The methodical access to a preconceptual or ‚atheoretic' understanding was opened up by Erwin PANOFSKY in the 1920s with his iconology and by his contemporary Karl MANNHEIM with his documentary method. Important correspondences between these methodologies and those in the field of semiotics can be demonstrated. From the insight that the iconic character in its obstinacy is not accessible to language in an adequate way, we can -with reference to the mentioned authors as well as to BARTHES, FOUCAULT and IMDAHL - draw the conclusion that to approach the peculiarities of a picture means to suspend our connotations of language-mediated iconographic (pre?)knowledge as far as possible, to put them "in brackets". Methodologically, the iconic character can only be reconstructed by describing the formal, especially the planimetric, structure of a picture.
 
 
 
 
 

Sabine Martschinke/Gisela Kammermeyer

Jedes Kind ist anders. Jede Klasse ist anders.
Ergebnisse aus dem KILIA-Projekt zur Heterogenität im Anfangsunterricht

in: ZfE, 6. Jahrg., Heft /2003, S. 257-276


Zusammenfassung
In diesem Beitrag werden Ergebnisse zur Heterogenität im Anfangsunterricht aus dem Projekt KILIA vorgestellt, die sich auf den Schriftspracherwerb beziehen. Untersucht werden leistungs- und persönlichkeitsspezifische Lernvoraussetzungen (phonologische Bewusstheit, Selbstkonzept im Schriftspracherwerb) und Klassenkontextvariablen (z.B. Klassengröße, Elternunterstützung). Aufgezeigt wird auch, welche Unterrichtsmaßnahmen (z.B. Differenzierung, Freiheitsspielräume) Lehrkräfte ergreifen, um mit dieser Heterogenität umzugehen. Die Ergebnisse belegen nicht nur die sehr große Heterogenität innerhalb einer Klasse, sondern zeigen auch auf, wie groß die Unterschiede zwischen den einzelnen Klassen sind, die noch nicht auf unterschiedliche Lehrereinflüsse zurückgeführt werden können. Man kann deshalb durchaus von einer "Schicksalsgemeinschaft" Klasse am Schulanfang sprechen. Weiterhin wird deutlich, dass es zwischen Erstklasslehrerinnen große Unterschiede in der Durchführung von Differenzierungsmaßnahmen und in der Eröffnung von Freiheitsspielräumen gibt.

 
 
Summary
Every Kid is Different. Every Class Too - Results from the KILIA project on heterogeneity in early schooling
This paper presents the results of the KILIA project, which looked at heterogeneity in the acquisition of literacy during the first years of primary schooling. The project focused on cognitive and non-cognitive prerequisites (e.g. phonological awareness, self-concept in reading) and on context variables (e.g. class size, parent involvement). The instructional methods used by teachers to deal with the heterogeneity are also recorded for comparison. The results not only give evidence for the breadth of variation within classes, but also for significant heterogeneity between classes, which cannot - at this stage - be explained by teachers' influence. It is, therefore, quite appropriate to speak of 'classes of fortune' in early schooling years. Furthermore, the analysis indicates significant differences between teachers in respect of the methods they use to support differences and to open spaces for individual development.
 
 

Sigrid Blömeke

Zukünftige Lehrpersonen und das Medienhandeln von Kindern und Jugendlichen
Eine empirische Studie zu Kenntnissen und Annahmen von Lehramtsstudierenden

in: ZfE, 6. Jahrg., Heft /2003, S. 276-291

Zusammenfassung
Kindern und Jugendlichen in der Schule den Erwerb von medienbezogenen Qualifikationen zu ermöglichen, ist in Deutschland seit langem in vielen Richtlinien und Lehrplänen als Ziel verankert. Die vorliegende Studie geht im Rahmen einer Pilotstudie an der Universität Paderborn der Frage nach, welche Kenntnisse und Annahmen zukünftige Lehrpersonen über das Medienhandeln von Kindern und Jugendlichen, über dessen Einflüsse und über die Aufgaben von Schule im Medienzusammenhang besitzen (N = 173). Die Skalen wurden theoriegeleitet auf der Basis eines Modells medienpädagogischer Kompetenz von Lehrpersonen entwickelt. Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Kenntnisse und Annahmen der Lehramtsstudierenden Defizite bzw. Probleme aufweisen, die eine Integration von medienpädagogischen Lehrangeboten in die Lehrerausbildung notwendig erscheinen lassen.

Summary
Prospective Teachers and Media Activity of Children and Young People: An empirical study on the knowledge and assumptions of student teachers
For a long time, German curricula have included the aim of imparting media-relevant qualifications to pupils at school. The purpose of a pilot study carried out at the University of Paderborn was to find out which kind of knowledge and what sort of assumptions future teachers have about media use by children and young people, about influencing factors on this use and about the functions of school and teaching in the context of media competencies (N = 173). Starting out from a theoretical background, the scales were developed on the basis of a model of didactic and educational competencies necessary of a teacher within media-education. The results obtained by questioning the students show that, as far as knowledge and assumptions are concerned, there are deficits which seem to make the provision of media-pedagogy in teacher education a necessity.

 


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