Michaela Kreyenfeld/C. Katharina Spieß/Gert G. Wagner

Kinderbetreuungspolitik in Deutschland
Möglichkeiten nachfrageorientierter Steuerungs- und Finanzierungsinstrumente
in: ZfE, 5. Jg. (2002), H. 2, S. 201-221

Zusammenfassung

Die institutionelle Kinderbetreuung in Deutschland ist ein Beispiel der Steuerung sozialer Dienste zwischen „Markt und Staat“. Kinderbetreuung wird nicht nur primär aus kommunalen Mitteln finanziert, sondern auf kommunaler Ebene durch Vertreter freier und öffentlicher Träger geplant und reguliert. Diese Strukturelemente sind rechtlich in Form des Subsidiaritätsprinzips und der kommunalen Finanzierung verankert. In diesem Beitrag argumentieren wir, dass die finanzielle Abhängigkeit vom kommunalen Budget und eine undurchsichtige Bedarfsplanung wesentliche Hemmnisse für eine bedarfsgerechte Versorgung mit Kinderbetreuungsplätzen darstellen. Dem derzeitigen „Mix“ aus öffentlichen und öffentlich finanzierten Kindertageseinrichtungen stellen wir das System einer nachfrageorientierten Steuerung des Angebots gegenüber. Am Beispiel von einem „Gutscheinmodell“ stellen wir konkrete Überlegungen und Umsetzungsbeispiele eines derartigen Systems für Deutschland vor.
 
 

Summary
Childcare Policy in Germany: Scope for Demand
side Subsidies.
German day care policy is a perfect example of the provision of social services in a neo-corporatist fashion. Day care centers are primarily financed from the local community budget. From this budget, the community runs public day care centers or subsidies Non-Profit Organizations which provide day care for children. In established negotiations on the community level, representatives of the NPOs and the public providers decide on the supply of slots in day care centers. In this paper, we argue that this particular mode of financing and monitoring children’s day care has contributed to a rather conservative childcare policy in Germany. Being dependent on the very restricted local budget, communities are confined to conduct a daycare policy, which solely offers a minimum provision of public day care. We suggest a radical reform of German day care policy. Instead of the subsiding public institutions and NPOs, we suggest to support the use of day care by demand side subsides. In this context, we describesome features of a child care voucher model in Germany.

 
 
 

Clive R. Belfield

The Privatization and Marketization of US Schooling
Economic Reforms, Theory and Evidence
in: ZfE, 5. Jg. (2002), H. 2, S. 222-240

Summary

This paper describes the trend towards the privatization and marketization of US schooling across three domains. We begin by describing the trend in recent pro-market policy reforms – proposed or enacted – to US schooling. This reform trend can be explained in terms of the growing importance of economic theory and economic evidence in social and political discourse. Briefly, we review mainstream economic theory and evidence to see what general lessons can be drawn, with a focus on productive efficiency. In the main section of the paper, we look at the direct evidence for US schooling not only in terms of the productive efficiency of schools, but also equity in schools, freedom of choice for parents and students, and the social cohesion produced by schools. Our review reaches a number of conclusions which suggest that the trend toward privatization and marketization may generate greater productive efficiency. Although the economic analysis is deficient in several ways and may have limited pertinence for social goods such as education, it highlights the need for strong and effective systems of accountability. Regardless of whether the advantages outweigh the disadvantages, however, it may be difficult to prevent further steps toward marketization.

 
  Zusammenfassung
Dieser Beitrag beschreibt die Tendenz zur Marktorientierung im Schulwesen der Vereinigten Staaten in drei Abschnitten. In einem ersten Schritt wird die aktuelle Tendenz zu marktorientierten Bildungsreformen im Schulwesen dargestellt, ganz gleich, ob diese Reformen bloß als Vorschlag unverwirklicht geblieben oder umgesetzt worden sind. Solche Reformen können auf die wachsende Bedeutung ökonomischer Erklärungsansätze zurückgeführt werden. Zweitens werden allgemeine ökonomische Theorien und Forschungsergebnisse analysiert, um zu sehen, welche Aussagen sich auf der Basis dieser Arbeit herausarbeiten lassen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hier auf produktiver Effizienz. Drittens richtet der Autor seinen Blick auf empirische Forschung, die sich spezifisch auf das amerikanische Schulwesen bezieht, sowohl hinsichtlich produktiver Effizienz, als auch hinsichtlich der Chancengleichheit, der freien Schulwahl für Schüler und Eltern sowie des durch die Schule erzeugten sozialen Zusammenhalts. Die Analyse unterstützt das Argument, dass die Tendenz zur Marktorientierung mit einer Verbesserung der produktiven Effizienz einhergeht. Der ökonomische Erklärungsansatz weist einige Schwachstellen in Bezug auf öffentliche Güter wie Bildung auf, und seine Erklärungen könnten daher für diesen Bereich von limitierter Bedeutung sein. Nichtsdestotrotz zeigt er die Notwendigkeit von starken, effektiven Systemen der Rechenschaftslegung. Ungeachtet der Frage, ob die Vorteile oder Nachteile überwiegen, sind weitere Schritte hin zur Marktorientierung vermutlich kaum zu vermeiden.
 
 
  Bernhard Nagel

Mehr Markt oder mehr Staat oder beides in der Weiterbildung?
Eine rechtsökonomische Analyse
in: ZfE, 5. Jg. (2002), H. 2, S. 241-260

Zusammenfassung

Wenn man fragt, ob der Staat neben oder anstelle der institutionellen Weiterbildungsförderung eine „Subjektförderung“ der Teilnehmer einführen sollte, muss man die Defizite der bisherigen Weiterbildung analysieren. Marktversagen kann argumentativ zur Rechtfertigung von mehr Staatseingriff, auch von mehr institutioneller Förderung, genutzt werden, Staatsversagen zu „mehr Markt“. Einerseits erscheint es richtig, der Unterfinanzierung der Weiterbildung dadurch entgegenzuwirken, dass durch Gesetz Fonds geschaffen werden, in die jedes Unternehmen nach einem bestimmten Schlüssel einzahlt und aus dem es seine Weiterbildungsmaßnahmen finanzieren kann. Diese Fonds können durch Tarifverträge aufgestockt werden. Andererseits sollte für jeden Bürger ein Weiterbildungskonto eingerichtet werden, über das er staatliche Kredite für Weiterbildungsmaßnahmen in Anspruch nehmen kann und im Erfolgsfall zurückzahlt. Durch die Entscheidung über die Verwendung dieser Kredite werden Märkte im Weiterbildungsbereich geschaffen, durch deren Wirken die Effizienz der bestehenden Weiterbildungseinrichtungen und -angebote erhöht werden kann. Kreditkonten sind Gutscheinsystemen u.a. deshalb vorzuziehen, weil sie nicht übertragbar sind und keine Zuzahlungen erfordern. Die Sockelfinanzierung von Einrichtungen der allgemeinen Weiterbildung sollte nicht abgebaut, sondern aufgestockt werden, um die erforderliche Planungssicherheit und Verlässlichkeit der Einrichtungen zu sichern.
 
  Summary
More Market, more State Intervention or both for
Continuing Education? – A legal-economic analysis.

To answer the question on whether the state should introduce learnerorientated initiatives of encouragement and support for continuing education besides or in place of institutional encouragement and support, it is important to analyse the deficiencies of current practice. It might be argued that market failure justifies more state intervention, even in the form of encouragement and support for institutions offering continuing education programmes, ie. state intervention for "more market". On the one hand, initiatives appear justified, which reduce underfunding through a new funding pool into which each enterprise pays and from which it can fund its continuing education programmes. These funds could be increased through tariff-agreements. On the other hand, learning accounts for continuing education could be established for every citizen of a country, with which he or she could receive state-sponsored credit for participation in courses and postpone payment until successful completion of the course. This mechanism generates a market based on the learner’s decision to utilise this credit and in turn, it encourages improvement in the efficiency of the institutions offering continued education. Credit systems are preferable to voucher-based systems, because, amongst other things, they are not transferable and do not expect the participants to provide supplementary funding. Core funds for institutions offering continuing education should, however, not be reduced but increased to enable planning security for the institution and reliability of provision.
 
 
  Barbara Drinck

Marktorientierung im japanischen Bildungssystem
Einblick in den gegenwärtigen japanisch-deutschen Diskurs
in: ZfE, 5. Jg. (2002), H. 2, S. 261-278

Zusammenfassung

Der Beitrag stellt prominente Positionen im japanisch - deutschen Diskurs über die gegenwärtige Bildungssituation vor. Da das Thema sehr komplex ist, wurden drei Themenschwerpunkte ausgewählt und unter den wichtigsten Aspekten diskutiert: 1. die japanische Bildungsganggesellschaft, 2. das Verhältnis von Schule und Beschäftigungssystem und 3. Perspektiven der zukünftigen Bildungssituation. Ein alle Schwerpunkte durchziehender Gedanke betrifft den Gleichheitsgrundsatz, wie er im Grundgesetz der Erziehung von 1947 verankert wurde und die Frage, ob er sich im japanischen Massenbildungssystem und im Geschlechterverhältnis realisieren lässt.
 
  Summary
Market-orientation in the Japanese Education System: Review of contemporary in the Japanese - German discourses. This paper presents prominent standpoints in Japanese-German discourses concerning current developments in education. In view of the complexity of this topic, three focal points have been selected and the main aspects of these will be discussed. They are: (1) the importance of educational path for individual life-course development in Japan, (2) the relationship between school and job-market requirements and (3) perspectives for future developments in the educational sector. The principle of equal opportunities, as laid down in the Education Act 1947, underlies all these focal points, and it will be asked whether this principle can be realised within the mass education system emerging in Japan and within contemporary gender-relationships in Japanese society.
 
 
Matthias Proske

Pädagogisierung und Systembildung:
Das Pädagogische im gesellschaftlichen Umgang mit dem Dritte-
Welt-Problem

in: ZfE, 5. Jg. (2002), H. 2, S. 279-298

Zusammenfassung

Eine Möglichkeit, das Verhältnis von Pädagogik und Gesellschaft zu beschreiben, scheint im Begriff Pädagogisierung zu liegen. In der jüngeren Diskussion lassen sich zwei Konzeptualisierungen dieses Begriffs unterscheiden. Pädagogisierung kann erstens als Transformation sozialer Probleme in pädagogische Probleme gedeutet werden. Hier wird unterstellt, dass soziale Probleme durch die Einwirkung auf Menschen mit den Mitteln institutionalisierter Erziehung und Bildung zu bearbeiten seien. Pädagogisierung lässt sich zweitens als Ausdifferenzierung eines symbolisch-kommunikativen Systems innerhalb der Gesellschaft beschreiben. Diese Vorstellung referiert auf die Ablösung des Pädagogischen von den klassischen Erziehungsinstitutionen. Vor dem Hintergrund dieser Unterscheidung rückt der vorliegende Beitrag in drei Fallstudien den gesellschaftlichen Umgang mit dem so genannten Dritte- Welt-Problem in der Bundesrepublik in das Blickfeld. Die dabei zu beobachtenden Bezugnahmen auf Pädagogik durch die Dritte-Welt Protestbewegung, das zuständige Bundesministerium und Organisationen des Erziehungssystems werden als je unterschiedliche Pädagogisierungsfälle rekonstruiert. Deren Hybridität, d.h. sowohl Eingrenzung wie Entgrenzung, sowohl Bezug des Pädagogischen auf wie auch Ablösung des Pädagogischen vom institutionalisierten Erziehungssystem, legt es theoretisch nahe, so die These, Pädagogisierungsprozesse in den Zusammenhang von Formbildungen des Pädagogischen einzuordnen.
Summary
Pedagogicalization and System-building: The pedagogical aspect in society’s treatment of the Third-World-Problem. A possible way of describing the relationship between pedagogy and society could lie in an investigation of the pedagogical aspect and its systemization, here termed “pedagogicalization” (Pädagogisierung). In recent discussions two conceptions of this term may be distinguished. Pedagogicalization can firstly be understood as the transformation of social problems into pedagogical problems. This assumes that social problems can be dealt with through influencing people via the instruments of institutionalized education. Pedagogicalization can, secondly, be seen as a symptom of the emergent differentiation of a symboliccommunicative system within society. This conception refers to the increasing detachment of educational practice from the classic educational institutions. Following on from the distinction between these two conceptions, the following paper will investigate society's treatment of the Third-World-Problem by way of three case studies from (West-)Germany. The reference to pedagogy made within the protest movement concerning the Third-World-Problem, by the federal ministry responsible for international development and within the institutions of the educational system will be treated as three different cases of the systematization of the pedagogical aspect. According to the argument laid out in this paper, its hybridity, i.e. its restriction and its extension, its reference to institutionalized education and the increasing detachment of pedagogy from institutionalized education suggests that processes for the systemization of the pedagogical aspect should be analyzed within the context of the form attributed to the pedagogical aspect itself.

Jürgen Wichmann

Zwischen nationaler Neubesinnung und internationaler Verflechtung
Zum Orientierungsproblem des bildungspolitisch-pädagogischen
Diskurses in Russland in den 1990er-Jahren

in: ZfE, 5. Jg. (2002), H. 2, S. 299-324

Zusammenfassung

Mit dem Ziel der Demokratisierung, Humanisierung und Pluralisierung erlebt das russische Bildungswesen seit Beginn der 1990er-Jahre eine tief greifende und komplexe Transformation. In zahlreichen Analysen wurden bisher vor allem die programmatischen, strukturellen, institutionellen sowie die schulischen und curricularen Veränderungen zu charakterisieren versucht. Die vorliegende Untersuchung greift einen bisher unberücksichtigt gebliebenen Bereich auf, dessen Veränderung aber in ganz starkem Maße diese Transformation mitbestimmt hat und zugleich deren Spiegelbild ist: den bildungspolitisch pädagogischen Diskurs der Zeitschrift Pedagogika. Mit Hilfe sowohl empirischer Daten als auch texthermeneutisch gewonnener Aussagen soll dargestellt werden, wie vor dem Hintergrund einer ganz besonderen russischen Variante der geopolitischen und kulturellen Fragmentierung der Welt bestimmte internationale Impulse selektiv in den Diskurs zu integrieren und für die eigene Reform des Bildungswesens nutzbar zu machen versucht werden. Die zentrale Frage ist, ob und inwieweit sich die russische Bildungspolitik und Pädagogik entweder vorbehaltlos bestimmten internationalen Bildungsmodellen und globalen Prozessen öffnet oder ob sie verstärkt auf eine Revitalisierung der russischen Bildungstradition setzt.

Summary
Between national Reorientation and International Integration: On the problems of orientation educational policy and pedagogic debates in Russia in the 1990s
Russian education has been transformed in profound and complex ways since the beginning of the 1990s, following the principles of democratisation, humanization and pluralization. A large number of published works focus principally on selected aspects of programmatic, structural and institutional changes, as well as modifications in schooling, teaching and curriculum. In this article, the author focuses on an area, which has been reglected until now, but has changed and been changed radically in the context of educational and societal transformation: the educational discourse reflected in the journal Pedagogika in the 1990s. Against the backdrop of a historically deep-rooted and currently revitalized Russian concept of the geopolitical and cultural fragmentation of the world, the analysis shows that some specific ideas have been selectively adopted into Russian education in order to accelerate local educational reform. The question raised here is: whether and to what extent Russian education and educational policy looks to international (Western) educational systems and global patterns of organization in education or if, instead, contemporary authors celebrate a revitalized national tradition in education. The analysis of the construction of internationality in relation to the obvious re-nationalization incorporates both quantitative (empirical) data and qualitative interpretation of the content of selected articles in Pedagogika.


Cornelie Dietrich/Volker Schubert

Bildung und Popmusik
Selbst-Thematisierungen in der Darstellung ästhetischer Erfahrung
in: ZfE, 5. Jg. (2002), H. 2, S. 325-344

Zusammenfassung

Die Bedeutung von Popmusik im Leben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen wird meist nur im Hinblick auf ihre alltagspraktische Funktion oder den Gebrauch thematisiert, der von ihr gemacht wird. Ausgehend von einigen Anregungen aus Ästhetik, Biographieforschung und Bildungstheorie soll dagegen im vorliegenden Beitrag versucht werden, diese Sichtweise durch die Einbeziehung der Musik selbst auf eine Weise zu erweitern, die es erlaubt, die Auseinandersetzung mit Popmusik als ästhetische Erfahrung ernst zu nehmen und damit auch die Frage nach ihrem möglichen Bildungssinn neu zu stellen. Anhand einiger Beispiele aus einer Schreibwerkstatt, in der junge Erwachsene sich erinnernd mit ihren popmusikalischen Erfahrungen auseinander gesetzt haben, wird gezeigt, wie im je spezifischen Zusammenwirken von lebensgeschichtlichem Kontext, dem besonderem musikalischen Material und den Erfahrungen, die damit gemacht werden, neue Sinnschichten und Bedeutungen performativ hervorgebracht werden, die weder als „Ausdruck“ der jeweiligen Situation noch als bloße „Projektionen“ von momentanen Stimmungen auf ein für sich genommen bedeutungsloses Klanggebilde verstanden werden können. Ihre Bedeutung für Bildungsprozesse erschließt sich freilich erst, wenn eher vom rezeptiven als vom souveränen Selbst, eher von dem Leben, das wir leben, als von dem, das wir „führen“, ausgegangen wird.
Summary
"Bildung" and Pop Music: Self-questioning in the re-presentation of aesthetic experience
The impact of popular music on young people’s lives is mostly discussed with regard to its use and function in everyday life. Starting with some ideas of aesthetics, biographical research, and philosophy of education this paper suggests to broaden this point of view by including the music itself in order to show an important way of discussing popular music as an aesthetic experience and to reformulate the question of its educational meaning. Studying some written examples of young adults who were asked to remember their experience with popular music it is shown that meanings, created in specific relations to life stories, music, and experience, are neither expressions of respective situations nor just projections of present moods. The music’s impact on individual cultural processes indeed just becomes clear, when we consider the self as receptive rather than as sovereign, the life we live rather than the life we lead.

 


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