Martin Kohli/Harald Künemund

Geben und Nehmen. Die Älteren im Generationenverhältnis
in: ZfE, 4. Jg. (2001), H. 4, S. 513-528

Zusammenfassung

Lange haben alltagsweltliche Überzeugungen und sozialwissenschaftliche Theorien darin übereingestimmt, die Beziehung zwischen den erwachsenen Generationen in der Familie habe sich im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierung und der Entwicklung des Wohlfahrtsstaates zunehmend aufgelöst. Die neuere empirische Forschung weist jedoch nach, dass diese Beziehung überwiegend nach wie vor eng ist und dass darin auch beträchtliche Versorgungsleistungen erbracht werden. Wir vertiefen diesen Nachweis auf einem bisher vernachlässigten Gebiet, nämlich den materiellen Transfers zwischen den Generationen, und verbinden diese familialen Austauschprozesse mit dem wohlfahrtsstaatlichen "Generationenvertrag". Es zeigt sich, dass die familialen Transferleistungen - sowohl zu Lebzeiten als auch über Erbschaften - erheblich sind und dass auch die Transfers zu Lebzeiten hauptsächlich von den älteren zu den jüngeren Generationen gehen. Die Familie als Solidarsystem wird also durch den Wohlfahrtsstaat nicht geschwächt, sondern im Gegenteil zu neuen Leistungen befähigt.
 
  Summary
Giving and Taking: The aged and the contract between generations
For a long time intuitive popular opinions and social science theories have agreed that the relationship between adult generations in families has continually deteriorated due to processes of societal modernisation and the development of the Welfare State. More recent empirical research has, however, shown that this tie between generations is, in most cases, still very strong and that it still provides a considerable service to society. We have extended this evidence into an area which has been largely neglected up until now. Our focus is on the material transfers between generations. We relate these family-internal exchange processes to the concept of the Welfare State's "generational contract". It will be shown that exchange processes within families - both during a person's life and after their death in the form of inheritance - are substantial and that these processes are as a rule material transfers from older to younger generations. It is our conclusion that the family as a welfare system has not been weakened by the Welfare State, but in contrast, it has been facilitated in other areas.
 
 


  Michael Wagner/Christof Wolf

Altern, Familie und soziales Netzwerk
in: ZfE, 4. Jg. (2001), H. 4, S. 529-554

Zusammenfassung

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, in welcher Hinsicht informelle Netzwerke zwischen Personen unterschiedlicher Altersgruppen variieren und welche Faktoren für diese Unterschiede verantwortlich sind. Die Analysen auf der Basis des ALLBUS (Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften) und des Bundesgesundheitssurveys ergeben, dass die durchschnittliche Netzwerkgröße mit dem Alter zurückgeht und wir es hier mit Altersveränderungen und nicht mit Kohortendifferenzen zu tun haben. Ferner sinkt die Anzahl potentieller Unterstützungspersonen mit dem Alter, wohingegen der Anteil Verwandter an allen Netzwerkpersonen zunimmt. Letzteres führt dann wiederum zu einer größeren Netzwerkdichte und einer abnehmenden Altershomogenität. Von diesen Prozessen sind nicht alle Gesellschaftsmitglieder in demselben Ausmaß betroffen. So ist das soziale Netzwerk umso größer, je besser Personen mit Ressourcen wie Schulbildung, Gesundheit oder Prestige ausgestattet sind. Darüber hinaus verbessert eine frühere Familiengründung die Opportunitäten für soziale Beziehungen im Alter und erhöht die Netzwerkgröße und den Anteil Verwandter im Netzwerk. Die größere Bedeutung der Familienmitglieder im Alter ergibt sich nicht unbedingt durch deren tatsächliche oder potentielle Hilfeleistungen, sondern auch daraus, dass Freunde und Bekannte aus dem engeren Netzwerk ausscheiden.
 
  Summary
Aging, Family and Social Networks.
This paper looks at the variations in informal networks between people of different age groups and at the factors which are responsible for these variations. The analyses, which are based on ALLBUS ("Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften") and the Federal Germany Health Survey, show that the average size of a network sinks proportionally to the increasing age of network membership and that this difference has to do with age change and not cohort differences. Further, it shows that the number of potential supporting persons sinks in line with raising age, whilst the proportion of relations in all networks rises. The latter results, in turn, in an increase in density and a decrease in age homogeneity. Not all members of society are affected by this processes to the same degree. Social networks tend to increase in size in proportion to people's access to social resources such as school education, health and prestige. Founding one's own family improves chances of social relationships in old age and increases the proportion of relations in a network. The increased importance of family members in old age does not necessarily result from their actual or potential help and support, but more from the fact that friends and acquaintances leave the tight network.
 
 
  Andreas Kruse

Der Beitrag der Erwachsenenbildung zur Kompetenz im Alter
in: ZfE, 4. Jg. (2001), H. 4, S. 555-575

Zusammenfassung

In diesem Beitrag soll auf der Grundlage konzeptioneller Überlegungen und empirischer Befunde der Beitrag der Erwachsenenbildung zur Kompetenz im Alter aufgezeigt werden. In Kapitel 1 wird hervorgehoben, dass Entwicklung im Alter verstanden werden kann als das gleichzeitige Auftreten von Gewinnen und Verlusten und dass die Aufgabe der Erwachsenenbildung sowohl in der Unterstützung des Individuums bei der weiteren Differenzierung von Wissen, Erfahrungen und Handlungsstrategien als auch in der Auseinandersetzung mit Verlusten liegt. Aus diesem Verständnis von Entwicklung im Alter und der Funktion von Erwachsenenbildung wird eine Definition von Kompetenz abgeleitet, die die Wechselwirkungen zwischen Person und Umwelt in den Mittelpunkt stellt. Im zweiten Kapitel wird die Frage gestellt, inwieweit ältere Menschen in ihrem eigenen Alternsprozess Gewinne und Verluste wahrnehmen. Der Gleichzeitigkeit von subjektiv erlebten Gewinnen und Verlusten wird konzeptuell durch die Differenzierung zwischen einer Außen- und einer Innensicht des Alters Rechnung getragen. Diese Differenzierung verdeutlicht, dass zum Teil gerade die Konfrontation mit Verlusten und Grenzen Prozesse der Auseinandersetzung anstößt und existentielle Erfahrungen und Einsichten vermittelt, die im Sinne einer Weiterentwicklung des Menschen - im Sinne eines Werdens zu sich selbst - gedeutet werden müssen. Auf der Grundlage der Differenzierung zwischen Außen- und Innensicht lassen sich zwei grundlegende Aufgaben der Erwachsenenbildung unterscheiden: die Vermeidung, Verzögerung oder Kompensation von Entwicklungsverlusten durch Training spezifischer Fertigkeiten sowie die Förderung von Entwicklungsgewinnen durch Unterstützung einer effektiven Auseinandersetzung mit Entwicklungsaufgaben. Die erste dieser beiden Aufgaben wird exemplarisch am Beispiel von Trainingsstudien zur Förderung der kognitiven Leistungsfähigkeit (Kapitel 3), die zweite am Beispiel von Bildungsangeboten mit dem Ziel, auf das eigene Alter vorzubereiten und die reflektierte Auseinandersetzung mit dem Älterwerden zu fördern (Kapitel 4), behandelt.
 
  Summary
Adult Education's Contribution to Competency in Old Age
On the basis of conceptional considerations and empirical evidence, this paper will attempt to show what adult education for competency in old age has to offer. In the first section it will be proposed that developments in old age can be conceived of as the simultaneous appearance of 'profits' and 'losses'. The educational task lies, therefore, equally in the support of individuals in their further differentiation of knowledge, experiences and behavior strategies as it does in their strategies for dealing with losses. A definition of 'competence' will be drawn from this conception of developments in old age and of the functions of adult education, which will make the interdependence between a person and their environment its focal point. In the second section the question will be asked as to the extent ageing people perceive profits and losses in their own ageing process. The simultaneous occurrence of subjectively experienced profits and losses will be considered through the conceptional differentiation between external and internal perspectives of ageing. With this differentiation it can be demonstrated clearly that confrontation with losses and boundaries can stimulate critical processes which offer existential experiences and insights and that these processes must be understood as a further development of a person, as a process of becoming him/herself. On the basis of the difference between internal and external perspectives two fundamental tasks of adult education can be identified: the avoidance, delay and compensation for losses through the training of specific competencies and the encouragement of developmental profits through the support of effective strategies for dealing with critical tasks in personal development processes. The first of these will be exemplified by the example of training for the encouragement of cognitive performance (section 3). The second will be exemplified by educational programs which follow the objective of preparing people for old age and encouraging reflective strategies for dealing with getting old (section 4).

 
 
  Jacqui Smith

Life Experience and Longevity

Findings from the Berlin Aging Study

in: ZfE, 4. Jg. (2001), H. 4, S. 577-599

Summary

Factors associated with education, social status, health, and psychological makeup are indicators of life experience and are also associated with quality of life in old age. Do these factors also contribute to a longer life? Data from the Berlin Aging Study (BASE; see BALTES/MAYER 1999), a locally representative sample of men and women aged 70 to 100+, are examined to determine whether status on these dimensions of life experience 1) differs between individuals in the early phase of old age (young old) and individuals who have survived beyond the average life expectancy of this birthcohort (age 85 plus, the so-called Fourth Age), and 2) predicts survival during old age. After controls for age and gender, health, occupational status and psychological functioning predicted survival. In general, long-lived individuals in present cohorts of the Fourth Age compared with those in the Third Age have lower education, lower occupational status at retirement, poorer health status, and lower levels of psychological functioning. Future studies should address the effects of various dimensions of life experience in different phases of the life course to determine the paths through which experience influences individual differences in the rate of aging and age at death in old age.
 
  Zusammenfassung
Bildungsstand, sozialer Status, Gesundheit und psychologisches Befinden bestimmen die Erfahrungen, die im Laufe des Lebens gemacht werden, mit ("life experience"), und somit auch Lebensqualität im Alter. Tragen diese Faktoren auch zu einem längeren Leben bei? Zu dieser Frage wurden Daten der Berliner Altersstudie (BASE; vgl. Baltes/Mayer 1999) von einer lokal repräsentativen Stichprobe von Männern und Frauen im Alter von 70 bis 100+ untersucht. Ziel war es herauszufinden, ob sich Menschen in der früheren Phase des Alters (junge Alte) und Menschen, die über die durchschnittliche Lebenserwartung eines Geburtenjahrganges hinaus überlebt haben (älter als 85; das sogenannte Vierte Lebensalter) hinsichtlich der genannten Dimensionen der Lebenserfahrung unterscheiden und (2) ob diese Dimensionen Langlebigkeit vorhersagen können. Nach Kontrolle von Alter und Geschlecht zeigten sich Gesundheit, beruflicher Status und psychologische Funktionsfähigkeit als Prädiktoren der Langlebigkeit. Im Allgemeinen verfügen lang lebende Individuen der gegenwärtigen Kohorten im vierten Lebensalter über einen niedrigeren Bildungsstand, einen niedrigeren beruflichen Status beim Eintritt in den Ruhestand, einen schlechteren Gesundheitszustand sowie über ein niedrigeres Niveau der psychologischen Funktionalität als diejenigen im Dritten Lebensalter. Zukünftige Untersuchungen sollten die Auswirkungen der verschiedenen Dimensionen der Lebenserfahrung in unterschiedlichen Lebensphasen thematisieren, um herauszufinden, wie Erfahrung individuelle Differenzen im Alternsverlauf und das Sterbealter im hohen Alter beeinflusst.

 
 
Arnd-Michael Nohl

Qualitative Bildungsforschung und Pragmatismus
Empirische und theoretische Reflexionen zu Bildungs- und Wandlungsprozessen
in: ZfE, 4. Jg. (2001), H. 4, S. 605-623

Zusammenfassung

Auf dem derzeitigen Stand der Erziehungswissenschaft ist es von hoher Bedeutung, Bildungstheorie und Bildungsforschung zueinander in ein reflexives Verhältnis zu bringen. Als Beitrag zu dieser Aufgabe werden in diesem Artikel die Konvergenzen von qualitativer Bildungsforschung und philosophischem Pragmatismus ausgeleuchtet. Im Zentrum steht dabei die Kategorie der "Wandlung", mit der das transformatorische Geschehen in Bildungsprozessen empirisch gefasst werden kann, die aber auch in der Tradition des Pragmatismus von John DEWEY steht. Anhand eines empirischen Beispiels, der Lebensgeschichte eines männlichen Jugendlichen, wird ein Wandlungs- und Bildungsprozess empirisch rekonstruiert und mit dem begrifflichen Instrumentarium von DEWEYs Bildungs-, Handlungs- und Erkenntnistheorie reflektiert. Besondere Aufmerksamkeit gilt hierbei den Erkundungsprozessen des Jugendlichen in unklaren Situationen, seinen spontanen Handlungspraktiken sowie hieraus folgenden Adjustierungen seiner selbst und seines Milieus. Bildung basiert in dieser pragmatistisch-rekonstruktiven Perspektive auf der Entdeckung des Neuen im Rahmen von Erkundungsprozessen, wie sie methodisch kontrolliert und systematisiert auch in der wissenschaftlichen Forschung zu finden sind.
Summary
Qualitative Educational Research and Pragmatism: Empirical and Theoretical Reflexions on Processes of Education and Transformation
For contemporary education science it is important to bring educational theory and educational research into a reflexive relation. In this article, as contribution towards this task, the convergences of qualitative educational research with philosophical pragmatism are explored. A special focus is given to the term of "biographical transformation" with which the transformational processes within formation are empirically analysed, but which is also based in the tradition of John DEWEY's Pragmatism. Drawing on the empirical example of a young man's life-history a transformation process is empirically reconstructed, and theoretically reflected in the terms of DEWEY's theory of education, action, and knowledge. In the centre of attention are the young man's inquiries into confused situations, his spontaneous action practices, as well as the resulting adjustments of his self and his milieu. As developed in this pragmatist-reconstructive perspective, formation is grounded in the discovery of the novel within processes of inquiry, which, methodically controlled and systematised, can be found in scientific research as well.

Andreas Breiter

Digitale Medien im Schulsystem
Organisatorische Einbettung in Deutschland, den USA und Großbritannien
in: ZfE, 4. Jg. (2001), H. 4, S. 625-639

Zusammenfassung

Organisationsentwicklung und der Einsatz digitaler Medien in der Schule wurden bislang vor-nehmlich als zwei voneinander unabhängige Prozesse betrachtet. Dabei spielen Koordinations- und Abstimmungsmechanismen zwischen Schule und Schulbehörden sowie innerhalb der Schule aufgrund der Komplexität digitaler Medien eine wesentliche Rolle, wenn ein unterrichtsintegrierter Einsatz erreicht werden soll. Mit dem Vergleich der organisatorischen Einbettung digitaler Medien im Schulsystem dreier Länder (Deutschland, USA und Großbritannien) konnten Bedingungen bestimmt werden, die für eine nachhaltige pädagogisch-didaktische Nutzung von Bedeutung sind. Nur durch ein Zusammenspiel von Organisations-, Personal? und Unterrichtsentwicklung auf der einen Seite und durch technisch-organisatorische Maßnahmen (IT-Management) zur dauerhaften Sicherung des Betriebs und der Funktionsfähigkeit der IT-Infrastruktur auf der anderen Seite lässt sich eine nachhaltige Gestaltung und Implementierung digitaler Medien in die Organisation Schule erreichen.
Summary
Digital Media in School Systems:Organisational embedment in Germany, the USA and the United Kingdom
Until now, new digital Media in schools and organisational reform have been treated as indepen-dent processes or only loosely linked in educational research. The co-ordination processes within schools and between schools, school districts and state departments of education are the major focus in this article. Using "organisational embeddedness" as a theoretical framework, the educati-onal systems in three countries (Germany, United States and United Kingdom) are compared. This leads to main organisational factors which have to be taken into account, when new digital media shall play a sustaining role in educational change. The Technology Plan which is already compul-sory in the U.S. and the U.K. is proposed as a co-ordinating instrument leading to a more structu-red and long-term educational reform process for the implementation and use of new digital media.

Erich Renner

Navajo-Familienstudie
Ein ethnopädagogisches Forschungsprojekt auf biographischer Grundlage
in: ZfE, 4. Jg. (2001), H. 4, S. 641-659

Zusammenfassung

In der Navajo-Familienstudie wird versucht, das auf ethnopädagogisch-biographischer Grundlage bei zwei Persönlichkeiten erarbeitete kulturelle Deutungsmuster believing in ceremonies auf seine Relevanz für andere Familienangehörige zu überprüfen. Die Aufnahme von narrativen Interviews/Selbstbiographien weiterer zwölf Mitglieder des Familienverbandes Bedoni-Atene ermöglicht es, dass wichtige personale und lebensweltliche Einflüsse kontingent thematisiert werden. Der dadurch erreichte Einblick zeigt das Deutungsmuster believing in ceremonies als vielschichtiges Bewusstseinskonstrukt bei den einzelnen Persönlichkeiten. Darin ist die Bedeutung des sozialisatorischen Kontextes, dessen individuelle Wahrnehmung und der unverwechselbare Zugriff der Probanden auf vorhandene kulturspezifische Lebensbedingungen präsent.
Summary
A Study of a Navajo Indian Family: an enthno-pedagogic project based on biographic research
The aim of this study of a Navajo Indian family is to test a pattern of cultural self-understanding, believing in ceremonies, based on interviews of two people from the same family. Further, narrative interviews and self-biographies were recorded from twelve more family members of the Bedoni-Atene group in an attempt to investigate important personal and life-world influences within the group. The results show believing in ceremonies as a complex construct of consciousness which is generated individually by each of the family members. Thus insider views on the relevance of socialisation contexts, individual perception and their specific borrowing from their cultural environment are presented.

 


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