Roland
Merten
Inklusion/Exklusion und Soziale Arbeit
Überlegungen
zur aktuellen Theoriedebatte zwischen Bestimmung und Destruktion
in: ZfE,
4. Jg. (2001), H. 2, S. 173-190Zusammenfassung
Die wissenschaftliche Sozialarbeit/Sozialpädagogik
weist offensichtlich schon in der terminologischen Selbstbeschreibung eine konstitutionelle
Affinität für Duale auf. Insofern ist es nicht weiter überraschend,
dass neuerlich mit dem Begriffspaar Inklusion/Exklusion' eine grundlagentheoretische
(Neu-)Bestimmung versucht wird. Dabei sind die ursprünglich dominanten
Begriffe "Integration/Desintegration" in den Hintergrund gedrängt
worden. Vordergründig können die neueren Versuche, die sich im Wesentlichen
aus der Systemtheorie LUHMANNscher Provenienz speisen,
zunächst erhebliche Erkenntnisgewinne verbuchen. Untersucht man jedoch
das zugrunde liegende Dual "Inklusion/Exklusion" sowohl logisch als
auch begriffstheoretisch genauer, dann werden sehr schnell die terminologischen
Defizite und Unzulänglichkeiten deutlich, die den auf diesem Begriffspaar
basierenden grundlagentheoretischen Vorstoß ins Wanken bringen. Werden
indes die verwendeten Gegensatzpositionen theoretisch korrekt entfaltet, so
verlieren die auf "Inklusion/Exklusion" aufruhenden Erkenntnisgewinne
ihre Basis, und manche Erkenntnis, die sich als neu präsentiert, löst
sich in ein Déjà-vu-Erlebnis auf.
Summary
Inclusion/Exclusion
and Social Work: Thoughts on the current theory debate between determination
and destruction.
The field of scientific social work and social pedagogy already indicates in
its terminological self-description its constitutional affinity for duality.
Therefore, it is of no surprise, that a new terminological pair "Inclusion/Exclusion"
is being utilized in an attempt to re-determine ground theories in this field.
In this, the original dominant pair "Integration/Desintegration" is
being pushed into the background. Ostensibly, new attempts, which particularly
emerge from LUHMANN'S System Theory, can demonstrate considerable
profits. However, when the fundamental dual "Inclusion/Exclusion"
is investigated logically and terminologically more precisely, then terminological
deficits and inadequacies become apparent, which unsettle the attempts at redetermination
based on this terminological pair. When, further, the contrasting positions
are developed correctly, then the benefits of the pairing "Inclusion/Exclusion"
lose their fundament and some insights, which are presented as new, give way
to the feeling of déjà-vu.
Zusammenfassung
Der
Beitrag behandelt die Frage, wie es Gemeinschaften gelingt, kulturelle Differenzen
in Ritualen zu bearbeiten. Rituale werden hier verstanden als performative Inszenierungen,
die nicht nur einen Rahmen für interne Integrationsprozesse bilden, in
denen sich Gemeinschaften konstituieren, stabilisieren oder konfirmieren, sondern
auch einen sozialen Zusammenhang für die Integration externer Herausforderungen
darstellen. An einem Beispiel aus der ethnographischen Forschung werden kulturelle
Selbstbildungsprozesse als performative analysiert. Dabei erscheint aus dieser
Sicht interessant, wie sich eine Familie in einem Frühstücksritual
über Schule, Leistungen, Lehren und Lernen selbst wechselseitig belehrt.
Eine performative Betrachtungsweise betont die Konstitution gemeinsamer Wirklichkeiten
in szenischen und körperlichen Aufführungen, die (sprachliche) Artikulation
von Rahmungen und die mimetischen, kommunikativen Wirkungsprozesse. Darüber
hinaus verweist sie auf die Bedeutung von (institutionellen) Machtbeziehungen
und auf die mit ihnen verbundenen habituellen Praktiken sowie auf die Bedeutung
der gemeinschaftlichen Differenzerzeugung- und -bearbeitung, die auch im Ritual
durchaus mit ludischen Elementen verknüpft ist.
Summary
Integration in Ritual.
Performative Processes and Cultural Difference.
This paper deals
with the question of how communities process cultural difference within rituals.
Rituals are understood here as performative actions, which not only present
a framework for internal integrative processes, in which communities constitute,
stabilize and confirm themselves, but also provide a social context for the
integration of external challenges. Using an example from anthropological research,
cultural constitution processes will be investigated as performative processes.
From this perspective, it is interesting to see how a family teaches itself
reciprocally about school, achievements, teaching and learning. A perfomative
perspective emphasizes the constitution of common realities in scenic and bodily
performances, in the (linguistic) articulation of frameworks and in mimetic,
communicative effect-processes. Over and above this, the perspective shows the
importance of (institutional) power-constellations and the habitual practices
of people, which are influenced by them. Further, it highlights the importance
of communal difference-generation and difference-processing, which are indeed
linked to ludic elements of behavior.

Ulf
Preuss-Lausitz
Gemeinsamer
Unterricht Behinderter und Nichtbehinderter
Ein
Weg für Sonderpädagogik und allgemeine Schulpädagogik zu einer
gemeinsamen integrativen Pädagogik?
in: ZfE,
4. Jg. (2001), H. 2, S. 209-224
Zusammenfassung
Seit über 25 Jahren gibt es
in deutschen allgemeinbildenden Schulen den gemeinsamen Unterricht von behinderten
und nichtbehinderten Kindern. Diese Praxis unterscheidet sich von der "normalen"
Einbeziehung leistungsschwacher oder körperlich beeinträchtigter Kinder,
die es früher schon gab, dadurch, dass Sonderschullehrer mit Grundschullehrkräften
oder Fachlehrern der Sekundarstufe I gemeinsam unterrichten. Innerhalb der Sonder-
wie der allgemeinen Schulpädagogik wird diese Entwicklung im Begriff der
"Integrationspädagogik" (EBERWEIN
1988), im neueren internationalen Sprachgebrauch im Begriff der
"Inclusive Education" (HAUSOTTER 2000) zusammengefasst.
Der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen und die damit
verbundene neue Zusammenarbeit zwischen Lehrern unterschiedlicher Ausbildung
und Orientierung hat Folgen für die Lehrerrollen, für das Lernen und
die Sozialbeziehungen der Kinder mit und ohne Behinderungen, für die Organisation
des Lernens und nicht zuletzt für Sonder- wie Schulpädagogik. Die
Frage ist, ob die integrative Pädagogik Lösungen für eines der
zentralen schulpädagogischen Probleme anbietet: Wie können unter den
Bedingungen von Heterogenität in den kognitiven, sozialen, ethnischen und
physischen Voraussetzungen innerhalb der Klassen soziales und fachliches Lernen
wirksam miteinander verbunden werden, so dass alle Kinder davon profitieren?
- Diese Frage schlägt sich auch in einer Reihe sonder- und schulpädagogischer
Veröffentlichungen der letzten Jahre nieder, etwa in "Gemeinsamkeit
und Vielfalt" (DEMMER-DIECKMANN/STRUCK
2001), "Heterogenität in der Schule" (HINZ
1993), "Gleichheit und Differenz" (LENZEN/TILLMANN
1996), "Pädagogik der Vielfalt" (PRENGEL
1993) oder "Grundschule - Schule der Vielfalt und Gemeinsamkeit" (SCHMITT
2001). Fast durchweg wird dabei Integrationspädagogik mit den Differenz-
und Heterogenitätsdiskursen der interkulturellen und Genderbezogenen Pädagogik
verbunden. Der gemeinsame Diskurs wird seit Anfang der neunziger Jahre intensiv
geführt (LERSCH/VERNOOIJ 1992).
Könnte Integration Schul- wie Sonderpädagogik in eine integrierte
Pädagogik für alle Kinder - einschließlich aller Kinder mit
Erschwernissen - zusammenführen?
Summary
Common lessons
for Disabled and Non-disabled Pupils - towards a common integrative pedagogy
for the disciplines of Special Education and General School Education?
For over 25 years, there have been common lessons for disabled and non-disabled
pupils in German schools. The current practice differs from previous "normal"
integration of children with learning difficulties and physically disabled pupils
in that Special Education teachers teach together with other teachers at primary
or secondary level. The term "Integrationspädagogik"(EBERWEIN
1988), has been established in the disciplines of Special Education (Sonderpädagogik)
and General School Education (Allgemeine Schulpädagogik) to refer to this
practice and in recent years, it has been referred to on the international circuit
as "Inclusive Education" (HAUSSOTTER 2000).
The provision of common lessons for children with and without disabilities and
the ensuing cooperation between teachers of differing training and orientation
has consequences for the role of the teacher, for learning in general, for the
social relationship between children with and without disabilities, for the
organization of learning, and, finally, for the disciplines of Special Education
and General School Education themselves. The question is, whether Inclusive
Education can offer a solution to a central pedagogical problem in schools,
namely: How can social and subject learning be combined within heterogeneous
classes with cognitive, ethnic and physical differences, to the benefit of all
the pupils? This question has been dealt with in a series of publications throughout
the last few years. Almost without exception, Inclusive Education has been connected
to the Difference- and Heterogeneity-discourses of Intercultural and Gender
Education. This common discourse has been discussed intensively since the beginning
of the 90s (LERSCH/VERNOOOIJ 1992).
Can the integration of Special and General Education lead to an inclusive pedagogy
for all children, whatever their difficulties?

Wolfgang
Seitter
Zwischen
Proliferation und Klassifikation
Lernorte und Lernortkontexte in pädagogischen Feldern
in: ZfE,
4. Jg. (2001), H. 2, S. 225-238
Zusammenfassung
Der Beitrag befasst
sich mit dem Phänomen der rasanten Expansion der Lernortmetapher sowohl
in der pädagogischen Praxis als auch in der Erziehungswissenschaft. Er
zeigt, dass diese Expansion auf mindestens vier unterschiedliche soziale Kontexte
zurückgeführt werden kann, die in ihrer gegenseitigen Verstärkung
die zentrifugalen Tendenzen von Lernvielfalt beschleunigen und deshalb zu neuen
Ordnungsanstrengungen herausfordern. Organisationsbezogene Kooperation, semantische
Überhöhung und komplexitätsreduzierende Klassifikation werden
als drei Strategien einer derartigen Neuordnung identifiziert.
Summary
Between Proliferation
and Classification: Learning-places and learning contexts in educational fields.
The article deals with the phenomenon of the fast expansion of the learning-place-metaphore
both in pedagogical practice and in science of education. It shows that this
expansion can be related to at least four different social contexts, which in
their mutual reinforcement are accelerating the centrifugal tendencies of learning
variety and which therefore provoke new efforts of ordering. Organizational
cooperation, semantical sublimation and simplifying classification can be identified
as three strategies of such reordering.

Heinz
Reinders
Politische Sozialisation Jugendlicher in der Nachwendezeit
Eine psychische Rekontextualisierung
in:
ZfE,
4. Jg. (2001), H. 2, S. 239-262
Zusammenfassung
Eine
Durchsicht des Forschungsstandes zum Themenkomplex Jugend und Politik'
macht schnell deutlich, dass dem großen Interesse der Forschenden an politischen
Einstellungen Heranwachsender ein nur geringes Interesse der Jugendlichen selbst
an politischen Fragen gegenübersteht. Aus einer pädagogischen Perspektive
heraus wird diesem Umstand dadurch Rechnung getragen, dass bei der Entstehung
politischer Einstellungen an dem Thema angeknüpft wird, welches Jugendliche
an Gesellschaft interessiert, genauer: beunruhigt. Für die 90er Jahre scheint
dies die Problematik der eigenen beruflichen Integration zu sein, was nahe legt,
die Genese politischer Einstellungen an die Antizipation der beruflichen Integration
zu koppeln. Hierfür werden auf der Basis des Entwicklungsaufgaben-Konzeptes
theoretische Grundlagen erarbeitet und empirische Evidenzen aufgezeigt.
Summary
The Political Socialization
of Young People in the Post-unification Period: A mental recontextualization.
A review of research into the research field 'young people and politics' shows
clearly that the researchers' interest in the political attitude of young people
is often met by a marginal interest in this topic from these same young people.
From a pedagogical perspective, this situation is explained by the fact that
the genesis of political attitudes is linked to social themes which young people
do find interesting, or more precisely: worrying. In the 1990s this seems to
be the question of personal vocational integration, which suggests that the
genesis of political attitudes in young people will be linked to their anticipation
of their own vocational integration. In an attempt to show this, theoretical
concepts will be drawn upon and empirical evidence demonstrated using the so-called
development-task concept.

Peer Pasternack
Bachelor und Master - auch ein bildungstheoretisches Problem
in:
ZfE,
4. Jg. (2001), H. 2, S. 263-281
Zusammenfassung
Die Debatte um gestufte
Studiengänge (Bachelor/Master) weist gravierende Defizite bezüglich
der inhaltlichen Gestaltung solcher Studiengänge auf, während in formaler
Hinsicht bislang vor allem Unübersichtlichkeit erzeugt wird. Dahinter lässt
sich eine allgemeine Profilverwirrung identifizieren, die zu überwinden
der Beitrag in drei Schritten versucht. Zunächst wird eine funktionale
Bestimmung vorgenommen: Danach wächst der Hochschulbildung die Aufgabe
zu, sozialverträgliche Handlungsfähigkeit innerhalb exponentiell wachsender
Komplexitäten zu vermitteln. Eine hieran anschließende Motivationsanalyse
der BA/MA-Debatte ergibt, dass sich die vorliegenden Gestaltungsversuche entweder
durch Unter- oder Überkomplexität auszeichnen; Problemadäquatheit
hingegen ist bislang untypisch für die deutsche Bachelor/Master-Debatte.
Ursache dessen ist eine paradoxe Anforderung: Auf die steigende Komplexität,
welche die Absolventen und Absolventinnen in ihrer beruflichen und gesellschaftlichen
Praxis erwartet, muss einerseits adäquat curricular reagiert werden, ohne
andererseits in der Gestaltung des heutigen Studiums den Komplexitätsgrad
der künftigen Herausforderungen spiegeln zu können. Die Frage, wie
dieses Paradoxon bearbeitet werden kann, wird unter Rückgriff auf die LUHMANNsche
Figur der "Komplexitätssteigerung durch Komplexitätsreduktion"
beantwortet. Auf der Grundlage der Zentralunterscheidung von Spezialistentum/Generalistentum
wird ein Modell entwickelt, mit dessen Hilfe "konsolidierte Gewinne"
(LUHMANN) innerhalb von gestuften Studiengangssystemen
erzeugt werden können.
Summary
Bachelor and Master Courses:
also a problem for education theory.
Besides the fact that the debate on phased courses of study at university level
(Bachelor/Master) is generally confused, it also shows grave deficits in terms
of the question of contents. This paper aims to overcome this confusion in three
steps: Firstly, a functional determination of the task of higher education is
proffered. This task is understood to be the provision of competencies, which
are socially compatible within increasingly complex social structures. Following
from this, a motivation analysis for the BA/MA-debate in Germany shows that
the existing course designs are either under-complex or over-complex. Problem
adequacy has been untypical for the German debate. The cause of this is seen
in the following paradox situation: It is expected that graduates will be confronted
with a grade of complexity in their vocational and social "practices"
(Praxen) which seemingly cannot be emulated in their curriculum. However, the
author provides an answer to this paradox via LUHMANN's
idea of "complexity-increase through complexity-reduction". A model
is then developed on the basis of the central conceptual difference between
specialist and generalist, with which "consolidated yields" (LUHMANN)
can be generated within a phased course system.

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