Marianne Krüger-Potratz:
Stichwort: Erziehungswissenschaft und kulturelle Differenz
in: ZfE, 2.
Jg. (1999) H. 2, S. 149-165Zusammenfassung
Um der Frage nach dem Verhältnis von Erziehungswissenschaft
und kultureller Differenz nachgehen zu können, wird zunächst
skizziert, wann, in welchem Zusammenhang und mit welchen
Implikationen der Differenzbegriff und ihm zugehörige
Varianten als eigenständige Termini in der deutschsprachigen
Erziehungswissenschaft aufgetreten sind. Es schließt sich eine
knappe Rückschau auf die Diskussionen über Defizit- und
Differenzhypothese in den erziehungswissenschaftlichen wie
bildungspolitischen Debatten über Chancengleichheit an. Dies
mündet in einer Darstellung zu Verlauf und Stand der Diskussion
über kulturelle Differenz unter der Frage, inwieweit es schon
gelungen ist, einen auf der »Anerkennung von Pluralität als
Grundverfassung der Wirklichkeit« basierenden Differenzbegriff
zu entwickeln, und welchen Beitrag hierzu verschiedene
Fachrichtungen innerhalb der Erziehungswissenschaft, speziell die
Interkulturelle Pädagogik, leisten bzw. leisten können.

Summary
An examination of the relationship between educational
science and cultural difference is begun with a review of the
context and implications of the emergence of the term difference
and related terms in German-language educational science. This is
followed by a quick outline of the discussion on deficit and
difference hypotheses in educational science and of educational
policy debates concerning equal opportunity. This leads into a
presentation of the progress and status of the discussion on
cultural differences, while considering to which degree the
development of the term difference has been based on the
"acceptance of plurality as the basic state of
reality." Finally, the question is posed as to which
contribution the various fields of educational science,
especially intercultural pedagogy, would be able to make.

Franz Hamburger:
Zur Tragfähigkeit der Kategorien
"Ethnizität" und "Kultur" im
erziehungswissenschaftlichen Diskurs
in: ZfE, 2.
Jg. (1999) H. 2, S. 167-178
Zusammenfassung
Der Beitrag geht der Frage nach, mit welchen theoretischen
Konzepten die pädagogische Situation erfaßt werden kann, die
aus der Multikulturalität von Einwanderungsgesellschaften
resultiert. Er zeichnet zunächst zwei Diskussionen nach, die in
der Soziologie und in der Pädagogik zur Verwendung der Begriffe
Kultur und Ethnizität stattgefunden haben. Es zeigt sich, daß
im Hintergrund dieser Debatten eindimensionale Vorstellungen von
Modernisierung moderner Gesellschaften stehen. Demgegenüber wird
daran festgehalten, daß moderne Gesellschaften gleichermaßen
Individualisierung, Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung
hervorbringen, die Zuweisung eines Individuums aber nur zu einer
Kultur auf eine pädagogische Kulturalisierung hinausläuft. Die
Zugehörigkeit des Individuums zu bestimmten Kulturen macht
allein seine Kultiviertheit nicht aus. Erst der
pädagogisch zu fördernde Bezug auf Kultur als
Menschheitsleistung ermöglicht Humanisierung der Kulturen und
Individuen.

Summary
This article discusses the question of how the educational
situation, which is a multicultural product of immigrant
societies, can be theoretically understood. Two discussions on
the use of the terms culture and ethnicity in the fields of
sociology and pedagogy are presented. It can be seen that
one-dimensional representations of the modernization of modern
societies are at the root of these discussions. Additionally, the
idea is presented that modern societies emphasize the individual,
the community and the society in equal measure. The allocation of
the individual to only one culture, though, only ammounts to
pedagogical enculturalisation. Alone the fact that an individual
belongs to only one culture does not create his cultivation. Only
the reverence to culture as a human accomplishment, which should
be supported by pedagogy.

Dieter Lenzen:
Erziehung zu sozialer Integration in einem Europa der Minoritäten
in: ZfE, 2.
Jg. (1999) H. 2, S. 179-194
Zusammenfassung
Die Forderung nach einer durch das Erziehungs- und
Bildungssystem gestützten sozialen Integration Europas steht
unter drei Prämissen: derjenigen, daß eine solche Integration
sein soll, daß sie machbar ist und daß Erziehung und Bildung
dazu einen Beitrag leisten können. Auf systemtheoretischer
Grundlage werden die drei Prämissen unter folgenden
Gesichtspunkten geprüft: Ist eine soziale Desintegration Europas
wirklich schädlich? Welche kommunikativen Voraussetzungen
müßten für eine europäische Integration erfüllt sein? Wie
können die Teilnehmer des Systems "Europa" lernen,
zugunsten von dessen sozialer Integration auf Handlungsoptionen
zu verzichten?

Summary
The goal of socially integrating Europe with the support of
the educational system has three premises: that this integration
is necessary, that it is possible and that the educational system
can actually make a viable contribution. Using Systems Theory,
these premises will be investigated by concerning the following
questions: Is a social disintegration of Europe really harmful?
Which conditions in communication would have to be filled for
European integration? How can the members of the system,
"Europe" learn to relinquish certain freedoms in favor
of social integration?

Hans-Christoph Koller:
Lesarten.
Über das Geltendmachen von Differenzen im Forschungsprozeß
in: ZfE, 2.
Jg. (1999) H. 2, S. 195-210
Zusammenfassung
Der Beitrag behandelt die Frage, was zu tun ist, wenn es bei
der Erforschung kultureller Differenz zu divergierenden
Interpretationen eines empirischen Dokuments kommt, wenn also
Differenz zugleich als Forschungsgegenstand und als Moment
des Forschungsprozesses wirksam ist. Im Kontext
qualitativer Forschung lassen sich zwei Modelle des Umgangs mit
dem Problem unterscheiden: 1. die Maximierung von Lesarten zum
Zweck ihrer kritischen Überprüfung und schrittweisen Reduktion
im Sinne der Objektiven Hermeneutik; 2. die Theorien- und
Forscher-Triangulation, d.h. das Nebeneinanderstellen
unterschiedlicher Interpretationen mit dem Ziel ihrer
wechselseitigen Ergänzung. Während das erste Modell Differenzen
nur mobilisiert, um sie letztlich doch zu neutralisieren, bleibt
im zweiten Modell ungeklärt, wie mit unvereinbaren Lesarten zu
verfahren ist. Als Theorierahmen zur weiteren Bearbeitung des
Problems dient Lyotards Philosophie des Widerstreits. Ihr zufolge
wäre die Differenz unterschiedlicher Lesarten daraufhin zu
prüfen, ob es sich um einen prinzipiell schlichtbaren
Rechtsstreit oder einen unauflöslichen Widerstreit handelt. Am
Beispiel zweier gegensätzlicher Interpretationen eines
interkulturellen Streitgesprächs wird abschließend diskutiert,
wie die Forschungspraxis dem Widerstreit auf skeptische und
innovative Weise gerecht werden könnte.

Summary
This paper looks at the question of how to handle diverging
interpretations of empirical documents in the context of research
on cultural difference; what to do when difference plays a role
both as research object and as a moment in the research process.
In the field of qualitative reseach, one can distinguish two
models of dealing with the problem: 1. the maximization of ways
of reading in order to then check them critically and make
step-by-step selections in the sense of an "objective
hermeneutics"; 2. the triangulation of theories or
researchers, which can also be described as the comparison of
various interpretations with the goal of supplementing each with
material from the next. Whereas the first model merely mobilizes
differences in order to neutralize them in the final analysis,
the question of how to deal with contradictory ways of reading is
not answered in the second model. In this paper Lyotard´s
philosophy on the "differend" will serve as a
theoretical framework for a further consideration of this
problem. According to this theory, one must ask whether the
difference between various ways of reading has to do with an
argument (litige) that could in principle, be solved, or whether
it has to do with an unsolved "differend". Based on an
example of two contradictory interpretations of an intercultural
discussion, this paper will finally turn to the question of how
it might be possible for research practice to do justice to such
conflicts in a skeptical and in an innovative manner.

Helga Kelle:
Geschlechterterritorien
Eine ethnographische Studie über Spiele neun- bis
zwölfjähriger Schulkinder
in: ZfE, 2.
Jg. (1999) H. 2, S. 211-228
Zusammenfassung
In der Geschlechterforschung sind methodologische Debatten
entbrannt, die die Verdoppelung des Alltagswissens durch die
Forschung skeptisch beurteilen: Die etablierte Perspektive auf
die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, Männern und
Frauen ist in die Kritik der "Reifizierung" geraten und
sieht sich dem Vorwurf der Zirkularität ausgesetzt. Neuere
ethnomethodologische und sozialkonstruktivistische Arbeiten regen
an, die Geschlechterunterscheidung nicht als omnirelevant,
sondern vielmehr als situations- und kontextgebunden zu
begreifen.
Aus diesen Debatten zog ein von 1993-1997 durchgeführtes
DFG-Projekt die Konsequenz, statt der Unterschiede die Praktiken
der Geschlechterunterscheidung bei 9-12jährigen Schulkindern
ethnographisch zu untersuchen (vgl. Breidenstein/Kelle 1998). Der
Aufsatz behandelt einen Ausschnitt aus dieser alltagskulturellen
Praxis: spontane Territorienspiele, in denen die Kinder qua
Geschlecht Mannschaften bilden und unter hohem Körpereinsatz
gegeneinander antreten. In der immanenten Analyse zweier
Beispiele zeigt der Beitrag, wie die Kinder geschlechtsdefinierte
Territorien erzeugen und so Geschlechterpolarität inszenieren.
Besonders die abschließenden spieltheoretischen Überlegungen
machen deutlich, daß das Geschlechterarrangement in diesen
Spielen vereinfacht, verfremdet und ästhetisiert wird.

Summary
A critical discussion on the duplication of everyday
knowledge in research has recently been launched in the field of
Gender Studies: the long-established view on differences between
boys and girls, between men and women, has been criticized as
"reification" and accused of circularity. Recent
ethnomethodological and social constructivist studies propose
that gender differentiation should not be understood as
omnirelevant, but rather as a situation and context related
issue. In light of this debate, a research group financed by DFG
(from 1993 to 1997) decided to explore the practices of gender
differentiation among nine to 12-year-old schoolchildren
ethnographically (cf. Breidenstein/Kelle 1998). This article
deals with a small segment of these practices: spontaneous
territorial games in which the children split up into
gender-based teams and demonstrate a high degree of physical
activity. This paper explores how gender defined territories are
achieved in interaction, thus staging gender polarity. The
concluding play-theoretical reflections are able to show that
gender arrangements are simplified, alienated, and aestheticized
in these games.

Walter Herzog:
Die Schule und die Pluralität ihrer Kulturen
Für eine Neufassung des pädagogischen Kulturbegriffs
in: ZfE, 2.
Jg. (1999) H. 2, S. 229-246
Zusammenfassung
Seit einiger Zeit mehren sich die Zeichen einer
pädagogischen Rückbesinnung auf den Kulturbegriff. Dabei sind
zwei unterschiedliche Verwendungsweisen des Begriffs zu
beobachten: eine monistische (anthropologisch-absolute) und eine
pluralistische (ethnologisch-relative). Es wird vorgeschlagen,
die beiden Auffassungen in einem prozessualen Verständnis von
Kultur zu integrieren. Anhand von drei ausgewählten Beispielen
aus dem Bereich der Schulpädagogik wird untersucht, wie dieser
Kulturbegriff für die erziehungswissenschaftliche Theoriebildung
fruchtbar gemacht werden kann. Die Beispiele betreffen das
Verhältnis von Oralität und Literalität, die Kulturen der
Unterrichtsfächer und die kulturelle Differenz der Geschlechter.
Der Beitrag schließt mit Überlegungen zur Bedeutung des
postulierten Kulturbegriffs für die erziehungswissenschaftliche
Analyse von Schule und Unterricht sowie die Modernität der
pädagogischen Denkform.

Summary
The term "culture" has been reflected on with
increased frequency within the field of pedagogy. Two different
usages of this term can be seen: a monistic
(anthropologish-absolute) and a pluralistic (ethnologic-relative)
usage. An integration of these is proposed, in which culture is
understood as being a process. This conception of culture as
process can be helpful in developing theories within the field of
educational science. To illustrate this point are three examples
from the field of pedagogy. These deal with the relationship
between orality and literality, the cultures of particular school
subjects and the cultural difference between sexes. This article
closes by considering what the postulated term
"culture" would mean for the analysis of school and
lessons within educational science, as well as for the modernity
of the pedagogical thinking style.

Jaap Dronkers, Werner Hemsing:
Effektivität öffentlichen, kirchlichen und
privaten Gymnasialunterrichts
Bildungs-, Berufs- und Sozialisationseffekte in
nordrhein-westfälischen Gymnasien
in: ZfE, 2.
Jg. (1999) H. 2, S. 247-262
Zusammenfassung
Seit dem 19. Jahrhundert bestehen in Kontinentaleuropa
öffentliche und private Schulen nebeneinander. Internationale
Debatten zur Schulwahl der Eltern sowie der Autonomie der Schulen
haben in letzter Zeit zu einem zunehmenden Interesse an
Bildungsdifferenzen zwischen öffentlichen Schulen und Schulen in
kirchlicher Trägerschaft geführt. In den Niederlanden konnten
Unterschiede in den Bildungserfolgen eindeutig nachgewiesen
werden. (vgl. Dijkstra/Dronkers/Hofman 1997). In dem vorliegenden
Beitrag wird der Frage nachgegangen, ob in Nordrhein-Westfalen,
das an der Grenze zu den Niederlanden liegt und vielfältige
Gemeinsamkeiten mit der holländischen Geschichte und Kultur
aufweist, ähnliche Differenzen im Bildungserfolg festzustellen
sind.

Abstract
Public and religious schools have coexisted in continental
Europe since the 19th century. The international debates on
parental choice of schools and school autonomy have stimulated an
increased scientific interest in how public and religious
education systems vary in their outcomes. In the Netherlands, the
results of public and religious systems have already been shown
to differ (cf. Dijkstra/ Dronkers/Hofman 1997). In this paper we
will analyze whether comparable differences exist in the German
state of Nordrhein-Westfalen, which shares a border with the
Netherlands and has much in common with Dutch history and
culture.

Rolf Becker:
Kinder ohne Zukunft?
Kinder in Armut und Bildungsungleichheit in Ostdeutschland seit
19901
in: ZfE, 2.
Jg. (1999) H. 2, S. 263-284
Zusammenfassung
Im vorliegenden Beitrag werden Auswirkungen von Armut auf
Bildungschancen von Kindern in Ostdeutschland untersucht. Die
Mechanismen rationaler Bildungsentscheidungen werden auf der
Ebene des Haushaltes, der Partnerschaftsbeziehung, der
Eltern-Kind-Beziehung und der persönlichen Entwicklung des
Kindes betrachtet. Neben den klassenspezifischen
Bildungspräferenzen und der Einkommenslage des Haushaltes wird
das mit der Bildung der Eltern verbundene kulturelle und soziale
Kapital des Elternhauses berücksichtigt. Diese Ressourcen sind
sowohl für Bildungsinvestitionen als auch für die Verarbeitung
sozio-ökonomischer Deprivation relevant. Die empirischen
Analysen basieren auf Daten des Sozio-ökonomischen Panels. Es
wurde festgestellt, daß prekäre Einkommenslagen und Armut die
Bildungschancen von Kindern beeinträchtigen. Werden andere
sozio-kulturelle Ressourcen im Haushalt mobilisiert, können
diese Beeinträchtigungen jedoch kompensiert werden. Dagegen
haben erwartungsgemäß Kinder aus Elternhäusern
mit ausreichendem ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapital
günstige Bildungschancen und wechseln eher auf das Gymnasium als
Kinder mit ungünstigen Startchancen.

Abstract
The effects of poverty on educational chances of East German
children are investigated in the study. The mechanisms of
rational choice about education have been analyzed on the levels
of household, parental partnership, interaction between
parents and children and the childs individual
development. Class-specific preferences for childrens
education and the economic situation of the household as well as
the cultural and social capital of the family which depends on
the parental education have been considered. These resources are
relevant for investing in childrens education and for
coping with socio-economic deprivation. The empirical analysis is
based on the German Socio-Economic Panel data set. It was found
that lower income and poverty have negative effects on
the childrens educational career. However, these negative
effects on their education can be compensated by the mobilization
of other socio-cultural resources in the household. On the other
hand, children from homes with sufficient economic, cultural and
social capital enjoy privileged educational chances and are more
likely to move to the higher level High school (Gymnasium) than
disavanteged children.

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