Frank van Balen:
Children Born Following In Vitro Fertilization
in: ZfE, 2. Jg. (1999) H. 1, S. 31-44

Zusammenfassung
Immer mehr Kinder werden nach Anwendung der neuen Reproduktionstechnologien (z. B. dem Einsatz der IVF oder der ICSI) geboren. In diesem Überblicksbeitrag werden Ergebnisse referiert aus Untersuchungen, die u. a. Fragen der Häufigkeit von angeborenen Mißbildungen oder etwaigen Erziehungsproblemen galten: Bisher gibt es keine Evidenz für eine steigende Zahl von angeborenen Mißbildungen beim Einsatz der IVF-Methode. Es wurden auch keine Anzeichen gefunden für eine beeinträchtigte kognitive oder psychomotorische Entwicklung solcher Kinder. Was die Kindererziehung betrifft, konnte bei Eltern von 2- bis 8jährigen IVF-Kindern eine besondere elterliche Zuwendung und größeres Engagement erfragt werden. Betrachtet man dagegen die 0- bis 1jährigen Kinder, so deutet sich in ersten Untersuchungen eine geringere mütterliche Wirksamkeit im Umgang mit den Kindern an als dies die Mütter berichten. Doch diese Ergebnisse wurden nicht durch Beobachtungen bestätigt. Die Wahrnehmung kann ein zeitweise auftretendes Phänomen sein, insofern langanhaltende Unfruchtbarkeit zu einem geringen Selbstbewußtsein der Mütter beigetragen hat. Anlaß zur Sorge bereiten bei dem Einsatz der neuen reproduktiven Techniken nach wie vor die große Zahl von Mehrlingsschwangerschaften. Mehrfachgeburten führen zu einem zunehmenden Risiko für die Neugeborenen durch zeitweise oder dauerhafte kognitive oder verhaltensmäßige Schwierigkeiten.

Summary
More and more children are born following the use of new reproductive technologies, such as In Vitro Fertilization (IVF) and intracytoplasmic sperm injection (ICSI). The introduction of these techniques has raised concerns about possible congenital malformations of the children and about problems in the upbringing. In this review it is shown that there is yet no evidence of a raised frequency of congenital malformations. Also, there are no results that show an impaired cognitive or psychomotor development of IVF children. Furthermore, it appears that, from the age of two till eight years, there are indications for a superior parenting and a greater parental involvement regarding IVF children. Regarding infants, the first findings point at a perception of lower maternal efficacy in dealing with the child, as reported by the mothers. However, this result was not confirmed by observation. This perception maybe a temporary phenomenon, that is carried over from feelings of low self-esteem that are often associated with infertility. A great concern of the use of new reproductive techniques is still the large incidence of multiple pregnancies. Multiple births lead to an increased risk for temporary or lasting cognitive or behavioral problems of the newborns.

Gert J. Vreeke:
Die Bell Curve Debatte - Ein Bericht über ihre Neuauflage in der us-amerikanischen Intelligenzforschung
in: ZfE, 2. Jg. (1999) H. 1, S. 45-60

Zusammenfassung
In "The Bell Curve: Intelligence and Class Structure in American Life" versuchen Richard J. Herrnstein und Charles Murray den Beweis anzutreten, daß sich die nordamerikanische Gesellschaft in einem irreversiblen Prozeß zunehmender Segregation bezüglich des kognitiven Vermögens ihrer Bewohner befindet. Ihrem Ansatz zufolge gilt hohe Intelligenz als Garant für eine bessere Ausbildung und eine höhere Berufsposition. Geringe Intelligenz bietet hingegen kaum Zugang zu einer attraktiven Position in der Gesellschaft. Die Trennungslinien zwischen Gruppen gleicher Intelligenz stimmten außerdem größtenteils mit den Grenzen zwischen ethnischen Gruppen überein. Herrnstein und Murray stützen ihre Theorie auf Daten aus der Intelligenzforschung und der Verhaltensgenetik. Die wissenschaftliche Diskussion um die Normalverteilung von Persönlichkeitsmerkmalen (Bell Curve Debatte) geht im Kern darum, inwiefern es zulässig ist, die gewählten Daten für diesen Zweck heranzuziehen. Wissenschaftlich sind weder der Wert von Intelligenztests noch die genetische Forschung unumstritten. Darüber hinaus ist ungeklärt, ob die Daten Herrnsteins und Murrays Ansatz in ausreichendem Maße stüzen. Der vorliegende Beitrag rekonstruiert die wissenschaftliche Debatte um die Bell Curve. Damit sollen die Grundlagen zu Überlegungen im Hinblick auf die politischen Implikationen der Bell-Curve-Ergebnisse gelegt werden.

Summary
The Bell Curve Debate. A Report on the us-american Discourse on intelligence science

In "The Bell Curve: Intelligence and Class Structure in American Life" Richard J. Herrnstein and Charles Murray try to proof that the American society is entangled in a irreversable process of ongoing segregation in terms of cognitive abilities. Higher intelligence is more and more a guarantee for achieving a better life, while low intelligence correlates more and more with a poor stance in life. The dividing line between groups generated by cognitive abilities, shows a substantial overlap with ethnic groups. Herrnstein and Murray seeks evidence for their theory by using data of research on intelligence, including behavior genetic. The scientific discourse on the Bell Curve is all about the possibility of using those data to that end. In scientific circles there are many doubt about the value of those quantitative approaches to cognitive abilities. Furthermore it is far from clear whether the data on which Herrnstein and Murray rely, effectively show what Herrnstein and Murray want them to show. In this paper this scientific discussion on the Bell Curve is reconstructed. This discussion should preceed the discussion about the polical implications of the Bell Curve.

Annette Scheunpflug:
Evolutionäres Denken als Angebot für die Erziehungswissenschaft
in: ZfE, 2. Jg. (1999) H. 1, S. 61-72

Zusammenfassung
Evolutionäres Denken wird in der Erziehungswissenschaft bisher an wenigen Stellen erprobt. Der Beitrag stellt dar, welche Möglichkeiten es gibt, evolutionäres Denken für die Erziehungswissenschaft fruchtbar zu machen. Zwei Formen der Rezeption des darwinistischen Theorieansatzes werden unterschieden und auf ihre mögliche erziehungswissenschaftliche Relevanz hin untersucht. Möglichkeiten und Grenzen dieses Paradigmas werden aufgezeigt.

Summary
Evolutionary thinking – an offer to educational science
Evolutionary thinking has rarely been applied in Education. This paper shows the ways in which evolutionary thinking might be used productively in the field of Education. It distinguishes two different paths in the reception of Darwin’s theoretical work and considers their potential relevance for Education today. The possibilities and the limits of this paradigm will be investigated.

Peter Hansbauer:
Wie aus Innovationen Institutionen werden. Ein Beitrag zum theoretischen Verständnis des Wandels der Heimerziehung in den 80er Jahren
in: ZfE, 2. Jg. (1999) H. 1, S. 73-109

Zusammenfassung
Ungefähr seit dem Beginn der 80er Jahre haben sich innerhalb der Jugendhilfe im Bereich der Heimerziehung der Bundesrepublik Deutschland tiefgreifende Umbrüche vollzogen. Ihren sichtbaren Ausdruck fanden diese Umbrüche u.a. im Auftreten völlig neuer, ehemals unbekannter Formen stationärer Unterbringung wie etwa der ambulanten Einzelbetreuung. Ziel dieses Aufsatzes ist es, einen Beitrag zum theoretischen Verständnis der Frage zu leisten, wie sich diese Innovationen innerhalb einer institutionell geprägten Umwelt wie der der Jugendhilfe durchsetzen konnten. Im Unterschied zu gängigen Erklärungen wird hierbei die Durchsetzung neuer Formen wie der ambulanten Einzelbetreuung jedoch nicht als Anpassungsleistung des Systems der Jugendhilfe an veränderte Umweltbedingungen interpretiert, sondern vielmehr als Anpassung an teilweise selbsterzeugte Folgeprobleme. Diese wiederum lassen sich begreifen als das Resultat verschiedener gesellschaftlicher Entwicklungen, die strategiefähigen Akteuren neuartige Chancen zur Durchsetzung neuer Angebote eröffneten.

Summary
How Innovations Become Institutions: A Theoretical Approach to Organizational Change in Residential Care in the 1980’s
In the 1980’s a period of dramatic changes occured in residential youth care in the Federal Republic of Germany. These changes are most visible in the appearance of completely new forms of residential care like out-reach care for adolescents (Ambulante Einzelbetreuung). The aim of this article is to make a contribution for a theoretical understanding of the question how these innovations could be successfully implemented in an institutional environment like youth welfare. Conventional explanations view the success of these new forms as an adaption of the youth welfare system to changes in the environment. Here, in contrast to that, it will be argued that it is in fact an adaption to internally produced malfunctions. These malfunctions can be considered as the result of different societal lines of development which provided exceptional opportunities for strategic actors to establish their new way of treatment.

Christiane Schiersmann / Heinz-Ulrich Thiel:
Innovationen in der Familienbildung. Ergebnisse einer bundesweiten Befragung
in: ZfE, 2. Jg. (1999) H. 1, S. 109-122

Zusammenfassung
In diesem Beitrag werden die Forschungsergebnisse einer bundesweiten empirischen Untersuchung über Einrichtungen der Familienbildung vorgestellt, die im Spannungsfeld von Erwachsenenbildung und Jugendhilfe anzusiedeln sind. Diese Studie ist dem im außerschulischen Bildungsbereich weitgehend vernachlässigten Typus der Institutionenforschung zuzurechnen. Es werden nicht nur bislang nicht verfügbare Daten zum Angebotsprofil, zur Teilnehmerzusammensetzung, zur Personalstruktur und –entwicklung, zur Finanzierungsbasis und zur externen Kooperation dargestellt und bewertet. Vielmehr steht im Mittelpunkt des Interesses eine Bilanz der in der ersten Hälfte der 90er Jahre bereits erfolgten und demnächst geplanten Innovationen: Im Hinblick auf ‚Produktinnovationen‘ ragen die verstärkte Einbeziehung neuer Zielgruppen (z. B. Alleinerziehende) sowie die Zunahme selbstorganisierter und beratender Angebotsformen heraus. In bezug auf ‚Verfahrens- und Sozialinnovationen‘ stehen die Anhebung des Qualifikationsniveaus des Personals, der Ausbau der Personalentwicklung durch Fortbildung, Supervision und Organisationsentwicklung, die Verstärkung externer Kooperationen sowie veränderte Finanzierungsstrategien im Vordergrund. Insgesamt verweisen die Ergebnisse auf die Notwendigkeit einer neuen Balance zwischen pädagogischen Zielvorstellungen und der Orientierung am ‚Markt‘, zwischen individueller Qualifizierung und organisationalem Lernen.

Summary
Innovations in family education institutions
This paper outlines the results of empirical research conducted on a Germany-wide scale on the topic of family education institutions that can be located in a span between adult education to youth aid. The category of this study is the long neglected field of non-school related educational work that has been referred to as institutional research. Important here is not so much the presentation and evaluation of new data on institutional offerings and participation, on personnel structures and development, or on financial support and external cooperation; the focus lies instead on taking stock of the innovations that that have been introduced in the first half of the 90s and that are now being planned. With respect to "product innovation," two developments stand out: the increased incorporation of new target groups (for example, single parents) and the increase of self-organized and controlled programs. With respect to "process and social innovations," one can see an increase in the qualification level of personnel, an expansion in the area of personnel development through continuing education and development in supervision and organization, a strengthening of external cooperation, and changed financing strategies. In summation, it is possible to say that the results point to the necessity of finding a new balance between pedagogical goals and orientation on the "market," between individual qualification and organizational learning.

 


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