Frieda Heyting:
Kontingenz und Common sense. Zwischen Liberalismus und Kommunitarismus. Die Resonanz politisch-philosophischer Gerechtigkeitsdebatten in der internationalen Erziehungswissenschaft

in: ZfE, 1. Jg. (1998) H. 3, S. 341-357

Zusammenfassung
Die erziehungswissenschaftliche Rezeption der politisch-philosophischen Gerechtigkeitsdebatten bringt einige ihrer charakteristischen Merkmale besonders deutlich ans Licht. Die große Vielfalt der Positionen in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion deutet auf den "grundsätzlich umstrittenen" Charakter der Begriffe "Liberalismus" und "Kommunitarismus" hin. Überdies erfordern die erziehungswissenschaftlichen Fragen nach den Inhalten, Zielen und Prozessen der Erziehung anscheinend eine Brücke zwischen liberalistischer Skepsis und kommunitaristischem Konsens. Jede Position für sich stößt auf Widersprüche. Bei den Versuchen, eine solche Brücke zu schlagen, scheint sich die Diskussion aber immer wieder festzulaufen. Das könnte auf die Notwendigkeit einer neuen Perspektive hindeuten. Vielleicht treffen sich die unterschiedlichen Diskussionsteilnehmer zu Unrecht in der Annahme, irgendeine gesicherte Schlußfolgerung könnte die Meinungsverschiedenheiten schlichten. Von einer solchen Sicherheit wird dann der Zusammenhalt der Gesellschaft erhofft. Vielleicht sollte das Bindemittel der Gesellschaft aber eher in den jeweiligen Unterschieden gesucht werden, wobei man sich in einem andauernden und historisch verankerten Dialog immer wieder zu verständigen versucht.

Summary
The reception of the debates on the foundations of justice in philosophy of education demonstrates some characteristics, among them flaws, of liberalist and communitarian ideas. The great variety of positions draws attention to the "essentially contested" character of the concepts of both: "liberalism" and "communitarianism". The educational questions on the contents, ends, and processes of education seem to require a reconciliation of liberalist skepticism and communitarian consensus. However, each attempt to solve this problem seems to be in vain. This could be an indication of the necessity of a new perspective. The various discussants do perhaps erroneously share the presupposition that the differences could be overcome by some kind of certain conclusion, which in turn could guarantee cohesion in society. Perhaps social cohesion can be better explained through the differences between people. These differences constitute the basis of an enduring and historically anchored dialogue, in which people time and again try to reach some kind of agreement.

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Karin Priester:
Die Geburt des Kommunitarismus aus dem Geist der Romatik

in: ZfE, 1. Jg. (1998) H. 3, S. 359-377

Zusammenfassung
Obwohl die Grundprobleme der Kommunitarismus-Liberalismus-Debatte nicht neu sind und die Kontroversen in Moralphilosophie sowie in politischer Philosophie und Theorie seit dem 19. Jh. beherrschen, ist die Auseinandersetzung gerade in Deutschland in den letzten Jahren auf breites wissenschaftliches und politisches Interesse gestoßen.
Der Beitrag versucht zunächst, den gesellschaftlichen und politischen Kontext zu beleuchten, in dem kommunitaristische Autoren argumentieren und den z.T. vom europäischen Sprachgebrauch abweichenden Bedeutungsinhalt des Begriffs ,Liberalismus‘ im amerikanischen Sprachgebrauch herauszuarbeiten. Der Kommunitarismus reagiert auf die aus seiner Sicht tendenziell anomischen Folgen des Liberalismus, indem er, auf dem Boden und im Kontext der ab ovo immer schon liberalen amerikanischen Gesellschaft stehend, diesen zu seinen ursprünglichen, altliberalen Werten zurückführen und zur Stärkung von individueller Eigeninitiative, zum Abbau des Staatsinterventionismus vor allem im sozialpolitischen Bereich beitragen möchte. Paradoxerweise untermauert er aber damit gerade das, was er zu bekämpfen vorgibt.
Die Grundthese des Aufsatzes ist, daß der Kommunitarismus mit seiner Sicht des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft, seinem Freiheitsverständnis, seiner Betonung von Gemeinschafts- und Familienwerten eine bereits im 19 Jh. mit der Romantik einsetzende Reaktion auf Modernisierungstendenzen fortschreibt und sich teils mit linken, mehr aber mit konservativen Denkmustern trifft. Darüber hinaus formuliert er mit seiner Betonung des nationalstaatlichen Zusammenhalts, des Patriotismus und der Notwendigkeit einer zivilen Religion moralische Appelle, die vor dem Hintergrund der europäischen, insbesondere der deutschen Geschichte ambivalent zu beurteilen sind.

Summary
Although the fundamental problems that have come up in the debate between Communitarian and Liberals are not new and are in essence the very same issues that have dominated the controversies in moral and political philosophy and theory since the 19th century, this most recent discussion has been received with widespread academic and political interest, especially in Germany.
This paper will attempt to illuminate the social and political context in which communitarian authors develop their arguments and to work out how the meaning of the American usage of the term "Liberalism" diverges from the meaning of the term in European usage. Standing squarely on the territory and within the context of the ab ovo liberal, American society, Communitarianism is reacting to what it considers to be the generally anomalous consequences of Liberalism. It aims to lead society back to its traditional liberal roots and to contribute to strengthening individual initiative and reducing State intervention particularly in socio-political matters. By doing this, however, Communitarianism paradoxically stabilizes precisely what it claims to be fighting against.
The main thesis of this paper is that Communitarianism with its understanding of the relationship between individual and society, its notion of freedom, and its emphasis on community and family values is simply taking up a reaction against modernization that began with Romanticism in the 19th century and carrying it forward. This reaction coincides in part with left-wing thought, but it is even closer to conservative thought. In addition, Communitarianism’s emphasis on national solidarity, patriotism and the necessity of a civil religion is a moral appeal that should be considered ambivalently considering European and, in particular, German history.

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Stephanie Hellekamps:
Gerechtigkeit zwischen Freiheit und Gleichheit.Zum bildungspolitischen Defizit in der Debatte zwischen Liberalen und Kommunitaristen

in: ZfE, 1. Jg. (1998) H. 3, S. 379-395

Zusammenfassung
In diesem Beitrag wird die Diskussion zwischen Liberalen und Kommunitaristen um die Fragen individueller Freiheit und politischer Gleichheit als den Bedingungen von Gerechtigkeit unter bildungstheoretischen Gesichtspunkten analysiert. Sowohl die Substantialisierungstendenz des demokratischen Ethos als auch die Tendenz zur formalen Entleerung des Liberalismus erschweren oder verhindern eine gerechte Regelung des gesellschaftlichen Zusammenlebens, welche die individuell-privaten Freiheitsansprüche ebenso wie die öffentlichen Anforderungen eines politischen Gemeinwesens berücksichtigt. Ein Ausweg aus der Aporie von rechtlich geregelter Freiheit und demokratischem Gleichheitsethos wird in einer bildungstheoretisch akzentuierten Re-Interpretation der Hegelschen Rechtsphilosophie gesucht.

Summary
This paper will analyze the discussion between liberals and communitarians regarding whether individual freedom and political equality are the conditions for justice from a perspective of educational theory. Both the substantialization tendency of the democratic ethos as well as the tendency to empty liberalism into a purely formal term make it difficult or even impossible to control coexistence in society in a just manner, one which would take the individual, private claims to freedom into consideration as well as the public requirements for a political community. In this paper, one way out of this aporia of legally regulated freedom and democratic equality ethos will be sought in a reinterpretation of the Hegelian philosophy of law as educational theory.

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Gert J. J. Biesta:
Deconstruction, justice and the question of education

in: ZfE, 1. Jg. (1998) H. 3, S. 395-411

Zusammenfassung
Der Artikel verweist auf die ethisch-politischen Dimensionen der postmodernen Philosophie der Dekonstruktion von Jacques Derrida. Ziel des Artikels ist es, die von Derrida aufgewiesene Beziehung zwischen Dekonstruktion und Gerechtigkeit zu verdeutlichen. Es wird herausgearbeitet, wie Derrida das Thema Gerechtigkeit dekonstruiert und inwiefern er das Verfahren der Dekonstruktion mit Gerechtigkeit gleichsetzt. Abschließend wird gezeigt, in welchem Zusammenhang Dekonstruktion, Gerechtigkeit und Erziehung stehen.

Summary
This article focuses on the ethical-political dimensions of Jacques Derrida’s post-modern philosophy of Deconstructionism. Its aim is to clarify the connection between Deconstructionism and justice which has been asserted by Derrida. The article will examine how Derrida deconstructs the concept of justice and to what extent he equates the very procedure of Deconstructionism with justice. It will conclude with a consideration of the relationship between Deconstructionism, justice and education.

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Leo Montada:
Gerechtigkeitsmotiv und Eigeninteresse

in: ZfE, 1. Jg. (1998) H. 3, S. 413-430

Zusammenfassung

Gegen eine Reduktion von Gerechtigkeitsmotiven auf Eigeninteressen, wie sie in der ökonomischen Analyse des Verhaltens üblich ist, werden sowohl theoretische als auch empirische Argumente vorgetragen. Auch elegante ökonomische Analysen von Gerechtigkeitsmotiven belegen nicht, daß Eigeninteressen die Basis für Gerechtigkeitsmotive sind. Die Fruchtbarkeit eines solchen Reduktionismus wird grundsätzlich in Frage gestellt. Es wird nicht bestritten, daß Gerechtigkeit eine rationale Wahl sein kann, es wird aber bestritten, daß Gerechtigkeit typischerweise eine rationale Wahl ist. Statt dessen wird dafür plädiert, klare theoretische Konzeptualisierungen und valide Operationalisierungen einer Vielzahl von Motiven vorzunehmen, die dann auf ihre Brauchbarkeit in Forschung und Anwendung geprüft werden können. Mit dem Blick auf spezifische Merkmale des Gerechtigkeitsmotivs wird das präskriptive Wesen der Gerechtigkeit herausgestellt: Verletzungen der Gerechtigkeit werden abhängig von Verantwortlichkeitszuschreibungen entweder mit Schuldgefühlen oder mit Empörung beantwortet. Empirische Forschungsprogramme werden dargestellt, mit denen die präskriptive Natur der Gerechtigkeit nachgewiesen werden kann und in denen eine Konfundierung von Eigeninteressen und Gerechtigkeitsmotiven vermieden ist.

Summary

This paper looks at theoretical and empirical arguments against the reduction of justice motives to basic self-interest. Even the elegant economic analyses of justice motivations do not manage to prove that self-interest is at the basis of justice motives. The theoretical fruitfulness of such reductionalism in motivational analyses is put in question. Instead, an argument is made for using clear theoretical conceptualizations and unambiguous operationalizations of a multiplicity of human motives which can be tested for usefulness in research and applied work. With an eye on the
distinctive features of the justice motive, the prescriptive nature of justice will be focussed upon: The reaction to violations of justice is either guilt of resentment, depending on attributions of responsibility. Empirical research is cited that assesses indicators of the prescriptive nature of justice and disentangles self-interest and justice motivations.

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Startseite/Homepage             © Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Stand: 23.06.2005